Ein Journalist packte aus

R. B., Berlin

Der Westberliner Journalist Joachim Guhde ist stämmig von Gestalt, hat aber, wie seine Freunde sagen, ein labiles Wesen. Er war Redaktuer der Nachrichtenagentur dpa in Berlin, arbeitete später in der Berliner Redaktion der „Bild-Zeitung“, gab ein Gastspiel beim „Spandauer Volksblatt“ und wurde schließlich für 24 Stunden unter die Obhut der Westberliner Polizei genommen. Seine Erlebnisse hinter schwedischen Gardinen wurden zu einem „Fall“.

Joachim Guhde hatte kurze Zeit nach dem Bombenattentat auf das Westberliner Büro des sowjetischen Reisebüros „Intourist“ im „Spandauer Volksblatt“ einen Artikel veröffentlicht, der trotz seines vernünftigen Titels „Berlin ist nicht Algier – mit Bomben kann keine Politik gemacht werden“, Zorn und Mißmut erregte. Der Grund: Guhde behauptete, die politische Polizei fahnde nur zurückhaltend nach den Attentätern. Westberliner Behörden und bundesrepublikanische Dienststellen, so hieß es weiter, gäben den Tunnelbauern Hilfestellung. Auch eine „gewisse Boulevardpresse“ habe zeitweilig Tunnelprojekte gebilligt und unterstützt, schrieb Guhde. Es wäre durchaus kein Zufall gewesen, daß von einem Grundstück in der Kochstraße an der Sektorengrenze ein Tunnel gebaut wurde. Guhde meint damit jenes Unternehmen, das einige junge Leute vom Grundstück des Springerverlags aus starteten und bei dem „angeblich“, wie Guhde berichtete, der Vopo-Angehörige Huhn utner den Schüssen seiner eigenen Kameraden tödlich zusammenbrach.

Guhde begrüßte im „Spandauer Volksblatt“ die gelungene Flucht eines jeden Bürgers aus der DDR. Aber er fragte: „Ist es die Aufgabe bundesdeutscher Regierungsstellen, Tunnelbauten zu unterstützen oder gar zu finanzieren?“ Ist es die Aufgabe dieser Stellen, „Flugblätter herauszugeben, die zum Widerstand gegen die Mauer aufforderten, wie es nachweislich der Leiter des dem Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen angegliederten ‚Büros Bonner Berichte‘, Weihrauch, in den Jahren seit dem 13. August 1961 hinreichend getan hat?“

Außerdem gäbe es in Berlin, so behauptete Guhde, „ein Sprengkommando, das streng nach den Regeln der OAS organisiert“ sei. In diesen Gruppen erführen die Mitläufer niemals, wer die Gruppe oder die gesamte Organisation führe. Schon vor Jahresfrist hätte das Sprengkommando Verbindung zu den französischen OAS-Kreisen gesucht.

Guhdes Artikel fand in Berlin ein seltsames Echo: ob wahr oder unwahr – auf jeden Fall hätte er nicht veröffentlicht werden dürfen, lautete die landläufige Meinung. Das „Spandauer Volksblatt“, von dieser Argumentation beeindruckt, teilte daraufhin mit, Guhde sei die Mitarbeit aufgekündigt worden. Nicht dem Chefredakteur, sondern dem gelegentlichen Mitarbeiter wurde damit die gesamte Verantwortung zugeschoben.