Von George A. Floris

Indiens Premierminister Nehru hat den herrschenden Klassen seines Landes freie Hand in ihrem Feldzug gegen Indiens Babys gegeben. Unter der Leitung von Lady Dhanvanthi Rama Rau der Gattin eines indischen Bankiers und Diplomaten, scharen sich schon seit einiger Zeit Vertreter des Geld- und Standesadels um das Banner der „Gesellschaft für Familienplanung“. Mit dem Segen der Behörden halten sie Versammlungen ab und verteilen ihre Propagandaschriften mit der Absicht, drastischere Maßnahmen gegen die Überbevölkerung zu erreichen.

Der Fortschritt ist unverkennbar, seit diese Gesellschaft und das Gesundheitsministerium vor zehn Jahren ganz bescheiden damit begannen, die „sichere Periode“ zu befürworten, um etwas später künstliche Verhütungsmittel und die Sterilisierung zu empfehlen. Heute verlangen immer mehr Frauen nach der gesetzlich anerkannten Abtreibung. Weder die Tibet-Krise noch die kriegerische Auseinandersetzung mit China konnten die Absicht bremsen, Indiens Nachwuchs künftig zu dezimieren. Dieser unnachgiebige Kampf gegen die ungeregelt-zufällige Vermehrung des Volkes stützt sich auf humanitäre und vaterländische Motive. Der Weltfrieden soll durch die Bemühungen der Bewegung gefördert werden; andere Vorkämpfer sehen die Geburtenregelung aus religiösen Gründen gerechtfertigt, weil sie den „Sturz in den Abgrund“ von Millionen Seelen verhüte.

Für viele indessen ist diese Familienplanung auch schon ein Selbstzweck geworden, der keiner theoretischen oder praktischen Rechfertigung mehr bedarf. Diese Politik, die unverhüllt Geburtseinschränkung oder -verhinderung propagiert, wurde mit der Bezeichnung „Die neue Revolution“ versehen.

Andere Länder reagieren verschieden auf diese Ideen und Empfehlungen, die Geburten zu kontrollieren. Während sich zum Beispiel in der Sowjetunion die Regierung ständig für große Familien einsetzt, reden sogar Indiens kommunistische Intellektuelle der Familienplanung leidenschaftlich das Wort.Zusammen mit der Gesellschaft für Familienplanung und ihren „kapitalistischen“ amerikanischen Förderern scheuen sie keine Mühe, die Sterilisierung praktisch zu fördern.

Unlängst begleitete ich eine Agitationsgruppe der Gesellschaft für Familienplanung in ein abgelegenes Dorf, wo die Delegierten sich bemühten, den Landbewohnern den Segen ihrer städtischen Gelehrtheit zuteil werden zu lassen. Selbst meine geringen Kenntnisse in der indischen Sprache genügten, um die klar umschriebene Philosophie zu verstehen, die eine anziehende Gesellschaftsdame in elegantem Sari den Dorfältesten verkündete: „Wenn ihr weniger Kinder habt, gibt’s mehr Lebensmittel, mehr Arbeit.“

Das ist auf die einfachste Formel gebrachte und doch verzwickte Wirtschaftswissenschaft. Wer je unter Indiens glühender Sonne auf den Feldern gearbeitet hat, weiß, daß unter solchen Bedingungen eine große Familie nicht eine Belastung, sondern oft ein wertvolles Besitztum darstellt: Der Landmann läßt alle seine Familienmitglieder mitarbeiten. Auf lange Sicht hin zwingt ihn das Anwachsen seiner Familie, seine Produktion zu steigern und sein Areal auszudehnen. Wenn er daheim mehr Mäuler zu füttern hat, wird er auch im Austausch für seine Landwirtschaftserzeugnisse mehr Industriegüter benötigen. Auf diese Weise verbessert das Wachsen der Dorfbevölkerung die Lebensmittelversorgung der ganzen Gemeinschaft und schafft zusätzliche Beschäftigung in Handel und Industrie. Nach den Zahlen eines indischen Wirtschaftsjournalisten litt Indien in den Jahren 1950 bis 1958 denn auch nicht etwa an einem absoluten Lebensmittelmangel, es hatte vielmehr einen Überschuß von 23,3 Millionen Tonnen Getreide.