Von Lothar Czayka

Der Rationalisierung des politischen Lebens erweist man keinen Dienst damit, daß man unter Mißbrauch des wissenschaftlichen Apparats die Interessenkonflikte fortzaubern will. Sie bestehen doch mit unverminderter Heftigkeit fort und nehmen vor einer noch so kategorisierten Pädagogik nicht Reißaus.

Gunnar Myrdal

Die gesellschaftspolitischen Begriffe der „Allgemeinheit“ oder des „Ganzen“, des „Allgemeinwohls“ oder „Gesamtinteresses“ gehören zu den unklarsten und daher politisch am häufigsten mißbrauchten. Diese Beobachtung kann man auch in der gegenwärtigen lohnpolitischen Diskussion wieder machen.

Alle Diskussionsteilnehmer – die Vertreter der Gewerkschaften, der Unternehmerverbände und auch der Regierung – behaupten kategorisch, ihre Forderungen und Vorschläge entsprächen dem „Gesamtinteresse“ oder „berücksichtigten“ dieses doch zumindest, während die Forderungen der (jeweiligen) Gegenspieler rein gruppenegoistisch seien. Ja, einige „tiefer“ sehende Experten glauben sogar, das „wahre“ Interesse der „Allgemeinheit“ erkannt zu haben Und zu vertreten.

Nun kann es aber – wenn überhaupt – nur eine „Allgemeinheit“ und – wenn diese nicht schizophren sein sollte – nur ein „Allgemeininteresse“ bezüglich einer bestimmten Angelegenheit geben, und es entsteht die Frage, wie man die verschiedenen Behauptungen, im Namen der „Allgemeinheit“ zu sprechen, auf ihre Wahrheit prüfen kann, wie man herausfinden kann, ob überhaupt jemand und gegebenenfalls wer zu einer derartigen Behauptung berechtigt ist.

Wir wollen zunächst eine logische Begriffsanalyse versuchen.