Es sollte ein Gebot der Vernunft sein, nichts zu bejahen, was man nicht von Grund auf kennt. Es ist ebenso ein Gebot der Vernunft und obendrein der Redlichkeit, nichts zu verneinen oder gar zu bekämpfen, was man nicht erst einmal zu verstehen versucht hat.

Doch gibt es eine Menge Dinge, welche „alle Welt“ aburteilt, ohne auch nur einen Dunst davon zu haben. Der bloße Name der Sachen genügt, um die Mehrzahl der Menschen zu geringschätzigem Achselzucken, abfälligen Bemerkungen, gehässigen oder höhnischen Ausfällen zu veranlassen. So ist nun einmal unsere akademisch unterbaute, moderne Zivilisation beschaffen: Sie ruht mindestens zur Hälfte auf Vorurteilen, die zum guten Ton gehören.

Eine solche Sache, die wenige wirklich untersucht haben, die aber dennoch einen ganzen Berg von Vorurteilen gegen sich hat, ist die Anthroposophie. Was der großen Öffentlichkeit davon zu Ohren zu kommen pflegt, beschränkt sich auf das Wissen von der Existenz einer gewissen Pädagogik, vielleicht auch einer bestimmten Therapie, oder auf andere zusammenhanglose Informationsfetzen.

Freilich fehlte es auch bislang an einer sozusagen exoterischen Informationsquelle: Die gesamte Literatur, aus welcher man sich Aufschluß holen kann, ist in dem einen „Verlag Freies Geistesleben“ und seinen Zweigunternehmen erschienen, die im großen Buchhandel kaum in Erscheinung treten. Und was die wenigen Ausnahmen anbelangt – wer liest heute schon noch Christian Morgenstern, es sei denn die Galgenlieder? Wer liest noch Manfred Kyber, wer Edouard Schuré, den Elsässer, der mit Nietzsche schon zu den Tribschener Intimen Richard Wagners und später zu den frühesten Bewunderern Rudolf Steiners zählte?

Unter diesen Umständen muß es als eine charaktervolle Tat anerkannt werden, daß einer der bedeutendsten deutschen Verlage die – soviel ich weiß – überhaupt erste wohlfeile Darstellung des Lebens und Wirkens jenes Mannes publizierte, dem die Anthroposophie heutigen Gepräges ihr Dasein verdankt –

Johannes Hemleben: „Rudolf Steiner in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“; rororo Monographien, Band 79, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 176 S., 2,80 DM.

Es handelt sich um ein Persönlichkeitsporträt von absoluter Objektivität, mit genauester Sachkenntnis entworfen. Auch die verbindenden Zwischentexte des Herausgebers enthalten kein unverantwortliches Wort der billigen Überredung. Der Leser hat hier eine Möglichkeit sachlicher Unterrichtung über Wesen und Wollen eines der eminentesten Köpfe europäischer Geistesgeschichte. Natürlich wird er nur bis an den Punkt geführt, wo er selbst sich mit besseren Gründen als vor der Lektüre entscheiden kann, ob er sich auf Person und Sache genauer einlassen will oder nicht. Jedenfalls wird er dem Schlußabsatz des Büchleins nicht mehr fassungslos gegenüberstehen, in dem der Monograph bekennt: „Blickt man auf das Leben und Werk Rudolf Steiners, ist man versucht, der Gegenwart, die sich selbst am Rande eines Abgrundes weiß, zuzurufen: Wen und was sucht Ihr? Die Überwindung des Materialismus? Die Lösung der sozialen Frage? Eine Neugeburt von Wissenschaft, Kunst und Religion? Auf alle diese Fragen hat Rudolf Steiner seine Antworten gegeben... Hat unsere Zeit sich der Mühe unterzogen, ihn und sein Werk wirklich zu prüfen?“

Daß sie es nicht getan hat, steht fest. Wie sie sich verhalten würde, wenn sie es einmal täte, ist eine andere Frage. Walter Abendroth