Von Ingrid Neumann

Der Katzenjammer an der Ruhr ist groß. Die unglückseligen Vorgänge um das Bonner Röhrenembargo haben ja nicht nur politisches Porzellan zerschlagen. Auch die wirtschaftlichen Konsequenzen sind nicht von Pappe. Die Annullierung eines Exportgeschäftes von 163 000 t Großrohren kann für die ohnehin um jeden Auftrag ringende eisenschaffende Industrie der Bundesrepublik nicht ohne Folgen bleiben.

Der Ausfall trifft nicht nur die drei großen an dem Russengeschäft beteiligten Konzerne Mannesmann, Phoenix-Rheinrohr und Hoesch, sondern, auch eine Reihe anderer Werke, die als Grobblecherzeuger in die Vormateriallieferung eingeschaltet werden sollten. Gerade die Grobblechwalzwerke sind weit unter ihrer Kapazität beschäftigt, und der Russenauftrag, der eine Produktion von rund 180 000 t Grobblech erfordert hätte – das entspricht einer Rohstahlerzeugung von 250 000 t –, wäre den Unternehmen eine willkommene Spritze für ihre Beschäftigung gewesen. Vier bis sechs Monate hätten die beteiligten Werke an der Abwicklung dieses Geschäftes gearbeitet. Es darf wohl als absolut unwahrscheinlich gelten, daß in absehbarer Zeit Ersatz für den ausgefallenen Auftrag – den man an der Ruhr bis zuletzt unter Dach und Fach geglaubt hatte – gefunden werden kann.

Etwaige Auswirkungen auf die Beschäftigung lassen sich noch nicht übersehen; die Werke wollen sich, wie zunächst versichert wurde, bemühen, ihren Belegschaftsstand zu halten. Aber es dürfte mindestens im Bereich der ohnehin schon weitgehend kurzarbeitenden Grobblecherzeugung damit zu rechnen sein, daß die Unternehmen gezwungen sind, ihre Produktion weiter zu drosseln. Die Frage, ob der spitze Rechenstift dann über die soziale Verpflichtung siegen muß, wird sich über kurz oder lang zwangsläufig stellen.

Das sind zunächst nur die unmittelbaren Folgen des Embargos. Sie sind um so bitterer, wenn es stimmt, daß beispielsweise Italien die NATO-Solidarität keineswegs so ernst nimmt und bereits gewillt ist, in die Bresche zu springen ...

Vor allem aber kann das Verkaufsverbot an die Sowjetunion auf lange Sicht einen Haken haben. Abgesehen davon, daß der „Vertragsbruch“ der deutschen Industrie – wenn es auch ein politisches Verdikt war, es bleibt ja ein Vertragsbruch – dem good will der deutschen Ausfuhr nicht gerade förderlich ist, so wird ein forcierter Ausbau der sowjetischen Walzkapazitäten die eigentliche Antwort auf diese einseitige Unterbrechung der gegenseitigen Lieferbeziehungen sein. Aus Moskau sind bereits entsprechende Reaktionen zu hören. Sie dürften durchaus ernst’ zu nehmen sein, weil es zum Wesen einer zentralistisch gesteuerten Planwirtschaft gehört, die Investitionsströme zu lenken.

Die Sowjetunion will sich nunmehr, so verlautet aus Moskau, gegen Ausfuhrverbote aus NATO-Ländern abschirmen und erhebliche Kapitalmittel von anderen Wirtschaftszweigen abziehen und in die Schwerindustrie leiten. Wie schnell es offenbar werden wird, daß das Embargo ein Bumerang ist, steht dahin. Aber daß es töricht und kurzsichtig und höchst überflüssig war, dem Weltstahlmarkt auf diesem Wege zu neuen (Über-)Kapazitäten zu verhelfen, steht außer Frage.