R. P., Damaskus im März

Die Straße nach Damaskus erhebt sich steilaus der Küstenebene des Libanon und folgt dann der alten Handelsroute in das Innere des Landes. Von der ersten Bergkette aus blickt man zurück auf das in der Sonne ausgebreitete Beirut; vor einem, jenseits der schneebedeckten Gipfel, liegt Syrien, liegt der arabische Idealismus. Aus jedem Dorfcafe und aus jedem der vorbeifahrenden Lastwagen ist Radio Damaskus zu hören: Botschaften von Umsturz und Solidarität, Militärmärsche, arabische Einheitslieder, mitreißende Musik, regelmäßige Appelle, Ruhe und Ordnung zu bewahren.

Die Straße windet sich durch kamelfarbene Hügel und dann durch die breiten Täler mit ihrer biblischen Landwirtschaft – mit Obstgärten, Weinbergen, Kornfeldern, Ziegenherden, bewegungslosen Hirten, Knechten auf den Feldern. Dann erklimmt sie wieder ein zerfressenes Plateau, streckt sich schnurgerade und läuft in der Ferne auf die syrische Grenze zu.

Ketten versperren den Weg. In einer Zementbaracke haust der Polizeiposten, ein verfallenes Café steht daneben. Ein syrischer Tank zuckelt die Grenzlinie entlang und wirbelt eine dichte Staubwolke auf. Die Grenze ist geschlossen; wer sie überschreiten will, braucht eine Genehmigung aus Damaskus – selbst der armenische Krämer, der bloß seine syrische Filiale inspizieren will.

Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Menschen vertreibt sich am Grenzposten die Zeit: ein diplomatischer Kurier, ein westindischer Rundfunkberater, ein prominenter französischer Kriminologe, der vor dem Umsturz im Auftrage der Vereinten Nationen vor syrischen Beamten Vorträge über polizeiliche Ermittlungsverfahren gehalten hat, ein Archäologe, der von seinen Denkmälern abgeschnitten ist, und Reporter aus aller Welt. Was Damaskus anging, so galten sie alle zunächst einmal als verdächtig, bis ihnen ein Gummistempel ihre Unschuld bestätigte.

In einer Ecke des Grenzcafes spielen vier Beduinen Karten; dabei knallen sie die Blätter mit jener Manier auf den Tisch, die vortäuschen soll, daß es lauter Trümpfe seien. Hinter ihrem Rücken hatte sich die ganze arabische Situation dramatisch verändert. Zum erstenmal nach zwanzig Jahren scheinen der Irak, Syrien und Ägypten wieder in der gleichen Sprache von arabischer Einheit zu reden; eine historische Neugruppierung bahnt sich an. Die Kartenspieler freilich kümmern sich wenig darum. Wessen Leben würde schon einen raschen Wandel erfahren?

Dann klingelt das alte Telephon in der Polizeibaracke. Einigen wenigen willkürlich Ausgewählten unter den Wartenden wird die Einreisegenehmigung erteilt. Die Ketten an der Grenze rasseln zu Boden, ein paar Wagen setzen sich in Bewegung.