Eine junge, reizvolle, reichlich hysterische Amerikanerin verbringt zwanzig ereignisreiche Jahre (1921 bis 1941) in Europa. Sie versucht sich als Schauspielerin und Malerin; lebt in London, auf einer der Borromeischen Inseln, in Rom; verkehrt mit Botschaftern und Herzoginnen; kennt die High Society im faschistischen Rom von den Cianos abwärts und erlebt auch noch die ersten Kriegsjahre, mit all ihren politischen Komplikationen, in Italien. Das wäre eigentlich genug Stoff für die Memoiren einer Frau, und wenn sie gar noch einen Journalisten zum Sohn hat, müßte er aus solchem Material ein Buch zurechtzimmern können, das einen Verleger und Leser findet. Aber der Herausgeber von

„Mollissima“, Shaw und Molly Tompkins, herausgegeben von Peter Tompkins, Deutsch von Hans Jürgen Hansen; Claassen Verlag, Hamburg; 275 S., 15,80 DM

hat sich dies nicht zugetraut und es für nötig gehalten, den von ihm redigierten Erinnerungen seiner Mutter einen etwas irreführenden Reklametitel zu geben. Es stimmt nicht, daß das Buch von Shaw und Molly Tompkins handelt. Es handelt von Molly Tompkins, ihren Enttäuschungen auf englischen Provinzbühnen, ihren Launen und Depressionen, ihrem (vermutlich nicht sehr ernst gemeinten) Selbstmordversuch, ihren Jagdausflügen, ihren Begegnungen mit dem „Fürsten von Piedmont“ (wie der Übersetzer den Prinzen von Piemont nennt), es handelt von den Palästen, in denen Molly wohnt, den Fresken, die sie malt, von ihren Finanzen, ihren Flirts – und neben alledem und vielen anderen auch von ihrer Freundschaft mit Bernard Shaw. Freilich, nur wenn Shaw auftritt, ist die Erzählung einigermaßen lebendig; bei den anderen Erlebnissen Mollys macht sich ihr (oder ihres Sohnes?) Sinr. für das Unwesentliche gar zu stark geltend, so daß jedes Interesse, das aufkommen könnte, vor der Fülle der Belanglosigkeiten im Keim erstickt wird. Ohne Shaw also hätte das Buch keine Daseinsberechtigung – insofern ist der Titel doch gerechtfertigt. Die Shaw-Anekdoten und vor allem natürlich Shaws Briefe an Molly Tompkins die im Zusammenhang dieses Buches zum erstenmal veröffentlicht wurden, sind die Rosinen, die man sich aus dem im übrigen nicht sensationellen Kuchen herausklauben kann.

Molly kam an einem Sonnabend aus Amerika in England an. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, spätestens am Montag Bernard Shaw kennenzulernen. Da sie keine Empfehlung an ihn hatte, überfiel sie ihn einfach auf der Straße vor seiner Wohnung. Shaw scheint nichts dagegen gehabt zu haben, sich von einer gutaussehenden jungen Frau überfallen zu lassen, und dann verliebte sich der eitle alte Dichter in seine ebenso eitle jugendliche Verehrerin. Seine Briefe sind zum größten Teil Liebesbriefe, wenn auch sehr ungewöhnliche: Shaw war ja nie ein Liebhaber, wie er im Buche steht. Den ersten Brief an Molly schrieb er mit 65 und den letzten – einen rührend schlichten Vierzeiler auf einer Photographie – mit 93 Jahren! Die Briefe sind fast alle echtester Shaw und also erstklassige Literatur. Doch gerade, weil sie so typisch sind, ist ihre Veröffentlichung kein welterschütterndes Ereignis, nicht einmal für die Shaw-Philologie; sie bringen kein neues Material für künftige Dissertationen, denn sie ändern nichts an dem wohlbekannten Bild der Weltfigur G. B. S., die, wenn man J. B. Priestley glauben darf, mit der dem Rampenlicht entrückten Persönlichkeit des Privatmanns George Bernard Shaw durchaus nicht identisch war. In den Briefen an Molly spielt Shaw durchweg die Rolle des mephistophelischen G. B. S., der klüger ist und mehr weiß als alle anderen und von seiner Narrenfreiheit mit Gusto Gebrauch macht.

Ludwig Fürst