Am Pester Donaukai warteten etwa dreißig oder vierzig Frauen vor dem langgestreckten Lagerhaus der Erdölaktiengesellschaft Shell. Das Gebäude war aus Zement, an dem einen Ende klebte eine kleine Bretterbude: die Wohnung des Wächters. Im kleinen Holzkäfig vor dem handtellergroßen Fenster pfiff Stieglitz sein Morgenlied in die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne.

Die Frauen warteten darauf, daß das Magazin geöffnet würde. Die Anzeige, durch die die Gesellschaft Sacknäherinnen für ihre Werkstätte am Donaukai warb, hatte etliche unter ihnen schon um vier Uhr früh hergelockt. Das Wolltuch fester um die Schulter gebunden, standen sie in der kühlen Morgendämmerung und betrachteten die ständig wachsende Schlange der Wartenden, die bereits bis zu den ersten Steinstufen des Parlaments reichte. Um sieben Uhr herum waren es bereits zweihundert Frauen und Mädchen, doch niemand kümmerte sich um sie. Im Fensterchen der Bude erschien der zerraufte Kopf des Wächters: Er blickte aus erstaunten, schlaftrunkenen Augen auf das leise murmelnde, sich weit hinziehende Frauenheer.

„Was wollt ihr?“ fragte er unwirsch. „Arbeit? Ich weiß nichts von einer Anzeige.“

„Sie brauchen davon auch nichts zu wissen“, entgegnete eine Frau, die dicht vor seinem Fenster stand. „Es wird schon jemand aus dem Büro kommen.“

Der Wächter strich sich den Schnurrbart zurecht. „Na von mir aus“, brummte er. „Dann müßt ihr halt warten.“ Schläfrig blinzelnd blickte er die Reihe entlang, wie um festzustellen, ob darin auch Sehenswertes war, dann schloß er das Fenster.

Die Frauen warteten geduldig weiter. Neue kamen nicht mehr hinzu, vielmehr gaben einige von den Zuletztgekommenen das aussichtslose Spiel auf, traten aus der Reihe und gingen nach Hause. Die aber, die als erste, vor Tagesanbruch, herbeigeeilt waren und schon vier oder fünf Stunden im eiskalten Wind warteten, der von der Donau her wie ein feuchter Lappen gegen ihre Beine klatschte, waren geduldiger als die später Gekommenen; sie traten, das Körpergewicht hin- und herverlagernd, von einem Fuß auf den anderen, wärmten sich die Finger in den Manteltaschen und unterhielten sich leise in der eigentümlich klagenden Singweise der Vorstadtliturgien. Die Vorderste, war eine mächtige, wortkarge Frau, die die anderen um gute zwei Köpfe überragte; neben ihr stand ein altes schmächtiges Frauchen, das ihr kaum bis an die Brust reichte. Sie waren zu Fuß von Angyalföld herbeigepilgert, Frau Ròzsa hatte alle fünf Schritte stehenbleiben müssen, damit Tante Piroska sie einholen konnte, und dennoch war das Zweigespann – von der leise knallenden Peitsche der Sorge angetrieben – als erstes aufder künftigen Arbeitsstätte eingetroffen.

„Die Sonne blinzelt schon“, sagte Tante Piroska, eine Bäuerin, die erst vor wenigen Jahren von dem Révfülöper Winzerhaus nach Budapest gezogen war. „Jetzt wird’s bald wärmer“, fügte sie ermutigend mit einem gutmütigen Lächeln im runzligen Gesicht hinzu.