Wo ist denn hier der berühmte Rosengarten Mit dieser Frage überfallen bildungs- und erlebnishungrige Touristen, kaum in Bozen, der Südtiroler Landeshauptstadt, angekommen, Pensionsmütter und Hotelportiers. Die Phantasie, von bunten Plakaten und flüchtiger Reiseführerlektüre genährt, erwartet eine Mischung aus Hamburger Planten un Blomen und Stuttgarter Killesberg, mit Schauorchester und Tanzbrunnen. Verständliche Enttäuschung, wenn sich hinter dem romantischen Namen „nur“ eine Dolomitenwand verbirgt, die zu abendlicher Stunde rosenrot bis in die Gassen Bozens leuchtet.

Dabei soll dort oben, wenn man der Sage glauben darf, einmal ein wirklicher Garten geduftet haben, und Zwergenkönig Laurin war sein Gärtner. Doch einige Halbstarke der Vorzeit verwüsteten das Paradies, das des Königs Fluch nachfolgend versteinerte. Und nur der alte Rosenglanz blieb und strahlt wie eh und je zur Stunde des Sonnenuntergangs. Oder ist es der Tiroler Rote, der sowieso alles rosenrot sehen läßt? So bleibt denn der Eindruck einer vom Bozener „Hausberg“ geprägten Gastlichkeit vom alttiroler „Gasthaus zum Rosengarten“ bis zum Grandhotel „Laurin“.

Uns aber lockt das Leuchten zu seiner Quelle. Ein Kleinbus der Dolomitenverkehrsgesellschaft schleppt uns die Eisack aufwärts nach Blumenau. Hier münden rechterhand das Tierser Tal und, zwischen Bach und Fels, eine Einbahnstraße im wahren Sinne des Wortes, aber in beiden Richtungen benutzt. Um alpinistischen Ausweichmanövern vorzubeugen, sei Selbstfahrern geraten, sich hinter unseren Bus zu hängen, auf dessen Fahrplan das Tal eingestellt ist. Der Bus nimmt spielend eine der stärksten Dolomitensteigungen (24 Prozent). Ein etwas dornenvoller Weg zu einem Paradies, das sich jetzt entfaltet: zurückweichende Talhänge, Schneefelder und Nadelwälder, darüber die hellen Dolomitenwände. Inmitten des Bildes eine an den Hang geschmiegte Häuserkurve mit Zwiebelkirchturm: Tiers unterm Rosengarten.

Spätwinter oder Frühling im Dolomitenland: Synthese zweier Jahreszeiten; weiße Föhnwolken ziehen am tiefblauen Himmel – Rauschen des Bergwindes in den uralten Lärchen – leise gluckernde Schmelzwasser – Sonnenbaden auf Nadelteppichen – einsames Wandern durch lichte Wälder. Der ideale Ort für Freunde einfacher Freuden und für die Liebhaber der Stille. Die Sommersaison wartet hier mit rund 700 preiswerten Privatquartieren auf – und niedrigen Preisen. Vollpensionäre bezahlen 10 bis 13 Mark, der Schlafgast 4 Mark je Tag.

Stadtnahes Skidorado der Bozener ist der Karer-Paß (Passo di Costalunga, für die Liebhaber melodischer Geographie), 1753 m über dem Meer. Südwesttor zum Dolomitenwinter. Hoch am Rosengartenhang zahllose wimmelnde Punkte. Erst zögerndes, dann gedankenschnelles Lachen, Jodeln – schweigsamer Kult der Sekunden. Dazu das Knattern, Schleifen und Rollen der Schlepp- und Sessellifte. Müssen die da hinauf? fragt sich der abseits stehende Laie. Erfüllung alter Gelübde, Pilgerfahrt nach heiligen Bergen?

„Achtung! Piste kreuzt Straße!“ Hier büßt selbst das Auto Vorfahrtsrechte ein. „Das Betreten der Piste mit Schuhen ist strengstens verboten!“

Und abends, wenn die Pistenhelden müde geworden sind und in der Savoy-Bar mit der feschen Kathi flirten, die Sonne verschwindet, leuchtet wie eh und je der verzauberte und versteinerte Rosengarten in die Gassen Bozens.

Hans Faust