Als erste der drei Großbanken hat wiederum die Commerzbank ihren Jahresabschluß vorgelegt. Trotz einer weiteren Umsatzsteigerung von 19 % ist es 1962 wieder zu einer deutlich sichtbaren Gewinnschrumpfung gekommen. Im Jahre 1961 stiegen die Umsätze um 20 % und auch damals waren die Überschüsse rückläufig. Die Lage sieht also so aus, daß innerhalb von zwei Jahren die Umsätze um rund ein Drittel zugenommen haben, der Gewinn in der gleichen Zeit aber um etwa ein Fünftel zurückgegangen ist. Niemand wird sagen können, daß die Commerzbank 1962 deshalb eine besorgniserregende Bilanz vorgelegt hat. Es wurde immer noch gut verdient, besonders wenn man bedenkt, daß die vorangegangenen beiden Geschäftsjahre „Sonderfälle“ gewesen sind, die sich so bald wohl nicht wiederholen werden.

Natürlich ist die Dividende von 16 % auch diesmal niemals in Gefahr gewesen, aber mit dem „schönen Brauch“, der sich in den Rekordjahren eingebürgert hatte, ein Drittel des Gewinns auszuschütten, ein Drittel in die offenen Reserven und das restliche Drittel in die stillen Reserven zu stellen, ist nun gebrochen worden. Mit 32 Mill. erfordert die Dividende diesmal sicherlich mehr als die Hälfte des tatsächlich erzielten Gewinns. Nur 10 (19) Mill. sind in die offenen Rücklagen gegangen, die damit 220 Mill. bei einem Grundkapital von 200 Mill. ausmachen.

Nein zur Kapitalerhöhung

Will Marx, diesjähriger Sprecher des Vorstandes auf einer Pressekonferenz in Hamburg, machte darauf aufmerksam, daß 1962 die stillen Reserven besser dotiert worden seien als die offenen. Er begründete dies mit der unsicheren Konjunkturlage, welche die Banken unter Umständen zwingen könne, auf ihre stillen Reserven zurückzugreifen, denn offene Reserven sind ja ohne Prestigeverlust einer Bank nicht angreifbar. Andererseits ist die Commerzbank durch diese Art von Bilanzierung in ein gewisses Dilemma geraten. Durch das Wachstum der Bilanzsumme um 10,7 (12,7) % auf 8,7 Mrd. DM und der bescheidenen Dotierung der offenen Rücklagen hat sich der Anteil des Eigenkapitals auf 4,85 (5,2) % verringert.Damit ist die viel zitierte Fünf-Prozent-Grenze unterschritten. Will Marx hielt das nicht für sonderlich tragisch, andererseits leugnete ernicht, daß die Bank eine Verbesserung der Eigenkapitalbasis anstreben müsse. Ein Institut, das sich unter großen Anstrengungen und mit Erfolg bemüht, im internationalen Geschäft Fuß zu fassen, wird sich auf die Dauer nicht leisten können, von internationalen Maßstäben abzuweichen.

Wird es deshalb in absehbarer Zeit bei der Commerzbank eine Kapitalerhöhung geben? Der Vorstand meint: „Nein.“ Auf der einen Seite hält er nämlich ein langsameres Wachstum der Bilanzsumme für möglich, und andererseits hofft er sicherlich im Stillen, daß es im Jahre 1963 möglich sein wird, ausreichende Erträge für eine bessere Dotierung der offenen Rücklagen zu erwirtschaften, als es 1962 möglich war. Schließlich ist eine Kapitalerhöhung angesichts der heutigen Böisensituation kein Vergnügen, zumal ja nicht unbekannt geblieben sein kann, daß der flottante Anteil am Commerzbank-Aktienkapital im vergangenen Jahr eher größer als kleiner geworden ist. Eine Pause zum endgültigen Placieren dieser Posten würde dem Markt der Commerzbank-Aktien sicherlich gut tun.

Wenn man auf bessere Zeiten hofft, muß man sich natürlich zunächst einmal über die Verlustquellen der Vergangenheit klar werden. Aus der Bilanz sowie aus der Gewinn- und Verlustrechnung 1962 sind sie unschwer ersichtlich. Fairerweise sollte man diesmal nicht den Personalkosten die Hauptschuld aufbürden. Allerdings sind die Personal- und Sozialkosten um weitere 4,5 % auf 141,3 Mill. gestiegen, während die Zahl der Mitarbeiter nur um 1,4 % auf 10 657 zugenommen hat. Die von Jahr zu Jahr bessere Besoldung der Mitarbeiter erfordert einen ständig höheren Anteil am Gewinn. Seit Beginn des Jahres werden schon wieder höhere Tarifgehälter gezahlt so daß die Personalkosten im Jahre 1963 abermals beträchtlich zunehmen werden.

Mindererträge und „Abschreibungsverluste“ hat es auf dem Wertpapiersektor gegeben. Einmal ist das Wertpapiergeschäft mit den Kunden insgesamt (trotz der zahlreichen Rentenemissionen) stark zurückgegangen, zum anderen hat die Aktienbaisse im eigenen Portefeuille Lücken gerissen, die trotz realisierter Kursgewinne bis zur Gewinn- und Verlustrechnung durchgeschlagen sind. Das hier entstandene Defizit wurde jedoch beträchtlich gemildert durch den überaus geschickten Verkauf eines Teiles des Besitzes an Aktien der Schnellpressenfabrik Heidelberg AG an die Almüco Vermögensverwaltungs-GmbH, München, einer Gemeinschaftsgründung der Allianz, der Münchner Rückversicherungs-Gesellschaft und der Commerzbank, die über den Umweg über die Almüco weiterhin an der von ihr veräußerten Schachtelbeteiligung partizipiert und die Erträge daraus steuerbegünstigt vereinnahmen kann. Man hat auf diese Weise einen Buchgewinn erzielt, ohne sich ganz der Rechte auf dieses Paket zu begeben. Praktisch sind stille Reserven aufgelöst worden, was man bedenken sollte, wenn man an die Neubildung stiller Reserven denkt. So ganz echt war die diesjährige „heimliche“ Stärkung also nicht!