Von Walter Widmer

Tausendundeine Nacht erzählte Scheherazade ihrem Herrn und Gebieter Schehrijär Geschichten, und er schlief nicht ein einziges Mal darüber ein. Eine Bravourleistung, fürwahr, und doch kein Kunststück – ging es doch für die Gute um Kopf und Kragen. Der geringste Versager, das leiseste Nachlassen der Spannung hätte den Schwanenhals der Wesirstochter unweigerlich zwangshalbiert. Daraus kann man allerhand lernen, unter anderem, daß die Geduld eines Zuhörers oder Lesers nicht über Gebühr strapaziert werden darf, nicht einmal in höchster Todesnot.

Fünfhundert und ein paar Seiten, ungefähr die Hälfte von tausendundeins, fesselt uns

Karl August Horst: "Kritischer Führer durch die deutsche Literatur der Gegenwart – Lyrik Essay Roman"; Nymphenburger Verlagshindlung, München; 528 S., 15,80 DM

an den Schreibtisch. Denn anders als am Schreibtisch kann man das Buch nicht lesen, im Bett schon gar nicht.

Spannende Bücher regen auf, langweilige schläfern ein. Nun ist aber Horsts Buch weder das eine noch das andere. Es spannt sich nicht und langweilt auch nicht eigentlich. Es irritiert eher, es macht kribblig, man wird zwischen Bewunderung und Gänsehaut hin und her gezerrt, es ist einem nicht wohl dabei.

Dieses Unbehagen rührt von einem quasi zoologischen Phänomen her, das freilich mit der Literatur eng verschwistert ist und letzten Endes wohl nur tiefenpsychologisch erklärt werden kann. Psychologisch gesehen, handelt es sich um eine Art geistigen Narzißmus oder spiritueller Selbstbefriedigung, zoologisch aber um das Auftreten eines der seltsamsten Tiere aus dem Schöpfungszirkus, das zwar im Brehm mit keinem Wort erwähnt wird und doch gefräßig und verheerend ist wie kaum ein anderes. Ich meine den Bücherwurm (vermis bibliophagus), auch als canicula gigantea vorax verzeichnet.