Bonn, Anfang April

Ist alles, was bisher über den voraussichtlichen Rücktrittstermin des Bundeskanzlers bekanntgegeben wurde, neuerdings wieder in Frage gestellt? In der CDU/CSU wird von einer vorläufig wohl nur kleinen Gruppe offen die Frage diskutiert, warum Adenauer eigentlich im Herbst das Bundeskanzleramt niederlegen solle.

Die Argumente dieser Gruppe: Adenauer sei doch geistig und körperlich noch sehr rüstig (was jeder bestätigen wird, der Gelegenheit hat, sich durch den Augenschein davon zu überzeugen), er sei der ihm gestellten Aufgabe noch durchaus gewachsen (daß er die in Betracht kommenden Nachfolger auch heute noch leicht überspielt, hat er mehrmals bewiesen); kurz: Es sei gar kein Grund vorhanden, weshalb er zurücktreten sollte. Es verstehe sich zwar, daß er wegen seines hohen Alters im Jahre 1965 nicht wieder kandidieren könne, aber die Union könnte es ja dann ebenso machen wie die SPD, indem sie gleichfalls erkläre: "Im Falle unseres Sieges wird unser Kandidat so und so heißen."

Auf den Einwand, daß ja eine Zusage des Bundeskanzlers vorliege, im Herbst dieses Jahres zurückzutreten, erwidern die Befürworter einer verlängerten Kanzlerschaft Adenauers, diese Zusage sei damals mehr oder weniger erpreßt worden, schließlich könne die CDU/CSU ja nicht einen so verdienstvollen Kanzler einfach abwählen. Es sieht so aus, als ob die kleine, aber agile Gruppe, die bis in die höchste Parteispitze hineinreicht, in Kürze in öffentlichen Versammlungen und auch in der Fraktion die Frage aufrollen wird: Soll Adenauer im Herbst 1963 wirklich gehen oder soll er bis zur Bundestagswahl 1965 bleiben?

Die Kanzlersucher Brentano, Dufhues und Strauß fühlen sich durch diesen Versuch, die ihnen gestellte Aufgabe gegenstandslos zu machen, irritiert und brüskiert. Soll denn, so klagen sogar die Getreuesten der Getreuen, der unselige Streit um die Kanzlernachfolge noch weitergehen und die Wahlchancen der Partei völlig verderben? Aber ihre Gegner argumentieren, das ganze Malheur sei überhaupt nur deshalb entstanden, weil sich die CDU/CSU auf eine Befristung der Kanzlerschaft Adenauers eingelassen habe.

Der Vorstoß der Pro-Adenauer-Gruppe richtet sich offensichtlich gegen Professor Erhard, dessen Nachfolgechancen in den letzten Tagen wieder günstiger beurteilt werden. Es ist zu vermuten, daß der Kanzler ihr Spiel nicht ungern sieht, ja es vielleicht angestoßen hat. Wenn Erhard noch immer gehofft hat, das Kanzler-Erbe werde ihm kampflos zufallen, so kann er sich dieser Erwartung nicht mehr hingeben. Weicht er auch diesmal dem Kampf aus, dann hat er ihn für immer verloren.

Die FDP sieht den CDU-internen Auseinandersetzungen betont distanziert zu. Sie beruft sich auf ihren "Schein" und wartet.

Robert Strobel