R. P., Hamburg

Immer riecht es ein wenig nach Sensation, gemischt aus Entrüstung und Schadenfreude, wenn Polizisten, beamtete Hüter von Recht und Ordnung, vor dem Strafrichter stehen. Nicht ganz zu Recht, eigentlich. Zwar wird, darf und muß man die Redlichkeit des Polizisten mit strengerem Maßstab messen, als die des Normalbürgers – Uniform, jedenfalls diese, verpflichtet. Aber tatsächlich in auch die Straffälligkeit unter Polizisten ganz erheblich geringer als im allgemeinen Durchschnitt. Mehr ist kaum zu verlangen. Und wenn man obendrein, wie mindestens in Hamburg, ziemlich sicher sein kann, daß die Strafverfolgungsbehörden den schwarzen Schafen in den eigenen Reihen nicht wohlwollende Schonung, sondern eher gesteigerte Strenge angedeihen läßt, dann besteht kein Anlaß zu besonderer Erregung, wenn gelegentlich ein Polizist sich also so fehlbar erweist, wie es Menschen nun einmal sind.

Wenn ein Polizist... Was den Fall, über den hier zu berichten ist, vom „Normalfall“ des straffälligen Polizeibeamten unterscheidet, ist der Umstand, daß nicht ein einzelner uniformierter Missetäter, sondern eine ganze Gruppe auf der Anklagebank saß, sechs Mann stark, alle von derselben Revierwache.

Was sie angestellt hatten, war bis zu einem gewissen Grade verständlich: Einer der ihren hatte gelegentlich eines nächtlichen Einsatzes – bei einem Schaufensterbrand – ein Flasche Whisky mitgehen lassen. Ein Polizist von einem anderen Revier hatte den Diebstahl beobachtet. Dieser Polizist tat, was er tun mußte: Er ging ins Wachlokal des diebischen Kollegen, erzählte dort dem aufsichtführenden Beamten, was er gesehen hatte und erbat Schreibmaschine nebst Papier, um die fällige Diebstahlsanzeige zu schreiben. Dazu kam er aber nicht: die ganze Wachbesatzung bedrängte ihn heftig, von einer Anzeige abzusehen, dem Kollegen nicht die Karriere zu versauen, nicht unkameradschaftlich zu sein und dergleichen mehr. Die Stimmung wurde schließlich so feindselig, daß der Anzeiger es vorzog, aus dem Wachlokal zu retirieren und die Anzeige in der eigenen Revierwache zu Papier zu bringen.

Nachdem er weg war, beratschlagte die Wachbesatzung (nur der Schichtführer machte nicht mit), wie dem diebischen Kollegen aus der Patsche zu helfen sei. Zunächst einmal mußte das corpus delicti, die Whiskyflasche, weg. Mit einer Ziviljacke getarnt schleppte sie einer aus dem Polizeiquartier und schlug sie auf einem nahegelegenen Trümmergrundstück in Scherben. Alsdann wurde ein Beweismittel fabriziert: An der Diensthose des Whisky-Diebes wurde die Knüppeltasche aufgeschlitzt – um ihm die Behauptung zu ermöglichen, der anzeigende Kollege habe sich getäuscht: nicht eine Whiskyflasche habe er in die Hosentasche gezwängt, sondern seinem durch ein Loch entschwindenden Gummiknüppel habe er nachgefingert. Im übrigen wurde verabredet, von Whisky nichts zu wissen. Sieben Aussagen gegen eine, und dazu ein sichtbarer Beweis fürs harmlose Taschenfingern – das müßte den Diebstahl aus der Welt schaffen.

Bis hierher ist die Sache schon schlimm genug, aber immer noch verständlich: einen relativ jungen Kollegen vor den Folgen einer verhängnisvollen Dummheit bewahren zu wollen, ist mindestens ein ehrbares und menschliches Motiv, selbst wenn die Mittel in hohem Maße unerlaubt sind.

Wirklich erschreckend und bedrückend war erst das Schauspiel, das die Polizeibeamten im Gerichtssaal boten. Das Komplott war sehr schnell aufgeflogen: Das jüngste Mitglied der Revierwachenbesatzung war unter den bohrenden Fragen der Kripo-Kollegen weich geworden und hatte die ganze Geschichte haarklein erzählt. Ergebnis: Sechs der Beteiligten landeten unter der Anklage der Begünstigung im Amt vor dem Kadi. (Der siebente, der Dieb, wurde vorab abgefertigt und kam frei: der Whisky-Diebstahl erwies sich bei näherer Betrachtung als Mundraub, welcher nur bestraft wird, wenn der Bestohlene einen Antrag stellt. Er stellte keinen.)