Eine falsche Wirtschaftspolitik ebnete den Weg für die Massenverführer

Von L. Albert Hahn

Die „Brüning-Luthersche Deflationsperiode“, die 1931 begann, ist, wenn nicht die tragischste, so doch die paradoxeste der letzten fünfzig Jahre. Es ist die paradoxeste, weil alles, aber auch alles, was seitdem geschah – Nazirevolution, Krieg, moralische und physische Vernichtung von Millionen Menschen und schließlich die deutsche Niederlage – nach meiner und vieler meiner Freunde Auffassung vermieden worden wäre, wenn die damals die Hebelstellung der Wirtschaft, das Geldwesen, direkt oder indirekt Beherrschenden sich nur ein wenig aufgeschlossener gegenüber heute selbstverständlichen Gedankengängen gezeigt und den kumulativen Deflationsprozeß unterbrochen hätten. Statt dessen hat man, die Jüngeren werden sich den damaligen Mangel an Urteilsfähigkeit gar nicht mehr vorstellen können, die Fortsetzung des Deflationsprozesses nicht nur geduldet, sondern (aus falsch verstandenen Gold- und Wechselkursrücksichten) gewünscht und mit einer prozyklischen Fiskalpolitik gefördert. Eine solche Politik mußte ein hoffnungslos gewordenes Volk in die Arme der Extremen treiben, die ihm die rasche Befreiung von der Pest der Arbeitslosigkeit versprachen – und dieses Versprechen durch Akzeptierung etwas „moderner“ Praktiken auch hielten.

Um dies vorwegzunehmen: Keine der damals in Regierung oder Reichsbank verantwortlichen Personen hat das Unheil bewußt herbeigeführt. Auch die unseligen Berater aus „Theorie und Praxis“, die die offizielle Politik stützten, waren gutgläubig, wenn auch manche Industrielle aus Angst vor dem Vorwurf des Inflationismus in der Öffentlichkeit Aussagen machten, die ihrer mir privat geäußerten Überzeugung widersprachen. Ursächlich für die Deflations-, oder wenn man es schonender ausdrücken will, für das Fehlen jeder bewußten Anti-Deflationspolitik, war vielmehr: Einerseits herrschte in den weitesten Kreisen eine völlige Unkenntnis über den Charakter von Wirtschaftskrisen als Deflationskrisen, andererseits ein erstaunlicher Mangel an „judgment“, an abwägendem Urteil darüber, ob der Vermeidung der katastrophalen wirtschaftlichen und politischen Deflationsfolgen oder gewissen formal-juristischen Erwägungen der Vorrang einzuräumen war. Wie unbegreiflich erscheint zum Beispiel heute, daß man eine Abwertung der Mark mit dem Hinweis ablehnte, daß im Young-Plan die Aufrechterhaltung der Goldparität stipuliert worden war. War doch seit der Einführung der Devisenzwangswirtschaft im Juli 1931 von einem Goldstandard überhaupt nicht mehr die Rede und die Mark im Verfolg der Pfundabwertung vom September 1931 gegenüber der zweitwichtigsten Weltwährung – und siebzehn der Pfundabwertung folgenden Nebenwährungen – tatsächlich um etwa 40 Prozent aufgewertet. Wie konnte es geschehen, fragt man sich heute, daß die Industrie, die gegen die letzte fünfprozentige Aufwertung der DM so heftig opponierte, gegen jene Aufwertung der Reichsmark nichts einwandte?

„Die jungen Theoretiker“

Es ist nicht meine Absicht, die einzelnen, für und gegen die „Reflation“ geäußerten Ansichten zu rekapitulieren und zu kritisieren. Es ist dies von anderer Seite in musterhafter Weise geschehen. Ich habe dabei vor allem das Werk „Die Große Krise“ von Wilhelm Grotkopp im Auge, der mit Engelsgeduld nicht nur die Pläne der Antideflationisten, sondern auch die gegen sie vorgebrachten Argumente aufgezählt und analysiert hat. Ich beschränke mich auf die Wiedergabe dessen, was ich selbst damals für richtig hielt und noch heute für richtig halte. Meine Ausführungen sind dennoch zugegebenermaßen rein subjektiv.

Ich sehe auch davon ab, die Stellungnahme derjenigen im einzelnen zu beschreiben, die auf unserer Seite kämpften. Ich möchte an dieser Stelle nur der Verdienste meiner viel zu früh verstorbenen Freunde Hans Gestrich, Wilhelm Lautenbach, Rudolf Dalberg und Leonhard Miksch gedenken. Sie alle haben mit großem Scharfsinn und Mut nach Kräften versucht die offiziellen Stellen zu einer energischeren Reflationspolitik zu bewegen. Denn Mut gehörte damals dazu, den zum Teil mit persönlichen Verunglimpfungen und unfairer Propagandatechnik arbeitenden Vertretern der herrschenden Meinung entgegenzutreten.