Die Grenzen der Bibliophilie, an denen du Buch aufhört, „etwas zum Lesen“ zu sein, und zum Vitrinenstück wird, zeigten sich anschaulich an den „Modernen Französischen Illustrierten Büchern“ aus der Sammlung Maurice Goldman die am 2. April bei Sotheby in London versteigert wurden. Niemand würde auf den Gedanken kommen, sich mit einem dieser 85 Bände in eine gemütliche Ecke zur Lektüre zurückzuziehen – nicht so sehr, weil jedes dieser Werke durchschnittlich seine paar tausend Mark kostet, als weil die Illustrationen von mehr als dreißig großen Modernen – wie Braque und Chagall, Max Ernst und L£ge-, Maillol und Matisse, Miró, Picasso und Rouault – unwiderstehlich vom Text weg zur reinen Betrachtung lenken.

Mit wenigen Ausnahmen stammten alle diese Drucke, manche nur in 24, die meisten in unter 200 Exemplaren hergestellt, aus den vierziger und fünfziger Jahren und hatten drucktechnisch wenig Erlesenes zu bieten, was bei den Kostbarkeiten französischer Pressen häufig vorkommt; auch was an Einbänden gezeigt wurde – die meisten Ausgaben waren in losen Bogen – war nicht gerade außergewöhnlich. Die Bedeutung lag in den Illustrationen, und man hätte sie sich ohne das Buch vorstellen können.

Für 900,– DM versteigert wurde das einzige von Henry Moore illustrierte Buch: Es ist überraschenderweise – oder vielleicht doch nicht ganz unerwartet – der „Prometheus“ von Goethe, übersetzt von Gide. Die fünfzehn Lithographien von Moore, farbig und doch fahl, illustrieren nicht nur die Dichtung, sondern auch die bedingte Gültigkeit seiner Gestaltgebung – Luftschutzkeller-Figuren und Löcher – und die vollen Gestalten, die ihre Muskeln wie Mumienwickel tragen, wirken jedenfalls weit überzeugender als die durchlöcherten, die von Chirico herzukommen scheinen. Was wohl Goethe zu ihnen gesagt hätte: „Die sinnliche Darstellung braucht er nur als Vehikel... Dann wandte sich das Gespräch anderen Gegenständen zu.“

Zwei Bände (442 X 335 mm) „Ausgewählte Stellen aus dem Alten Testament“, gedruckt 1956, wurden von Marc Chagall mit 105 Radierungen (1931–39) illustriert, in denen sich seine ursprüngliche naiv-dörfliche Phantasie erweist, aber auch eine Schwäche der Gruppierung, und die biblischen Gestalten aus ihrer Legendenverklärung ins Ostjüdische versetzt scheinen (7500,– DM.

André Derain hat das „Satyricon“ des Petronius (in einer etwas lahmen Übersetzung) mit 33 Illustrationen, von griechischer Vasenmalerei glücklich beeinflußt, und 43 holzgeschnittenen Ornamenten versehen, die den schöngebundenen beiden Bänden ein helles, gelöstes, wenn auch nicht gerade antikes Leben verleihen (3200 DM).

Unerwartet idyllisch, ja poetisch zeigt sich Fernand Léger in seinen 15 Lithographien zu Rimbauds Illuminations (mit einem wenig aufregenden Vorwort von Henry Miller); Dubuffets 14 Lithographien zu den Gedichten Les Murs des Lyrikers Guillevic haben tatsächlich etwas von der Häßlichkeit, der Härte, aber auch der stummen Drohung bekritzelter, finsterer Mauerwände (900,– und 500,– DM), und Bernard Buffets 21 Radierungen zu einem Jean Giono sind nicht der einfallslose Abklatsch undurchgeistigter Wirklichkeit, den man ihm nachsagt.

KA TA NGI TE KIVI / KI VI / KA TA NGI TE MOHO / MOHO ... ja, es ist der Anfang eines Gedichts von Tristan Tzara in einem würfelförmigen Band dadaistischer Dichtung, den Picasso, Braque, Matisse, Chagall, Miró, Giacometti und andere illustriert haben. Jeder Text dieser Anthologie Poesie de mots inconnus ist auf einem gefalteten Blatt mit der Zeichnung gedruckt, und man verstummt vor diesem Konvolut, in dem kein einziges bekanntes Wort einer menschlichen Sprache vorkommt: Es ist der Einbruch der großen Sinnlosigkeit (in des Wortes nichtexistentialistischer Bedeutung) in die Welt der Kommunikation – lange bevor die scheinbare Unmöglichkeit der Verständigung ein so dankbares Sujet für das moderne Schaffen wurde. Es ist übrigens auch ein teures Sammelobjekt (850,– DM). Wohl bekomm’s! oder – wie Raoul Hausmann in seinem mit einem Holzschnitt von Kurt Schwitters gezierten Niesgedicht sagt: TESCH, HAISCH, TSCHÄA ... HAPPAPEPPE ... TSCHAA!

Es gab unwiderstehlich wandteppichbunte Lithographien von Jean Lurçat zu La Fontaine und Supervielle, die Holzschnitte Maillols zu Daphnis und Chloe, von denen man einige Proben als Inselbändchen genießen kann, wenn man nicht 2500 DM für das Original anlegen will; es gab imposante Linolschnitte von Matisse zu Montherlant und etwas zerflossene Lithos von ihm zu altfranzösischen Gedichten, ein halbes Dutzend von Picasso illustrierter Werke, in denen sich eine verruchte Geschicklichkeit mit nicht geheurer Unfehlbarkeit verbindet; es gab sehr schöne farbigtintige Rouaults – und einen Gesamtertrag von weit über 100 000 DM, vor dem man sich benommen in eine Ecke zurückzieht, mit einem Buch zum Lesen. E. S.