London, Anfang April

Die britische Regierung hat offiziell das Recht Nordrhodesiens anerkannt, aus der Zentralafrikanischen Föderation auszuscheiden. Damit ist der letzte Wall gefallen, der den Vormarsch des Pan-Afrikanismus auf die „weißen Bastionen“ im Süden vielleicht noch eine Zeitlang hätte aufhalten können. Ist es nun überhaupt noch möglich, den gewaltsamen Zusammenprall des schwarzen Afrika mit dem „Afrika des weißen Mannes“ zu verhindern?

Mit der Zerstörung der Zentralafrikanischen Föderation entstehen zwei neue Staaten im Zeichen des Pan-Afrikanismus: Nyassaland und Nordrhodesien. Es gehört zu den bizarren Erscheinungen dieser politischen Neuformierung, wie weiße Wirtschaftsinteressenten bereit sind, ihre Überzeugungen von gestern zu vergessen, und mit den neuen schwarzen Machthabern Frieden schließen.

Im reichen Nordrhodesien herrscht seit zwei Monaten die erste afrikanische Regierung, zwar noch nicht unabhängig, aber doch zur Unabhängigkeit entschlossen. Männer wie Kenneth Kaunda, der Führer der „United National Independence Party“, und Harry Nkumbula‚ Führer der afrikanischen Nationalen Kongreßpartei, werden jetzt von der weißen Presse nicht mehr als wilde und mörderische Agitatoren gebrandmarkt. Sie sind auf einmal Minister, sie haben ihre Wellblechhütten in Lusaka mit standesgemäßen Behausungen vertauscht, sie sitzen hinter großen Schreibtischen in ihren Ministerien – und siehe da, europäische Industrielle, die gestern noch Feuer und Flamme für Sir Roy Welenkys Föderation waren, scharwenzeln heute um die neuen afrikanischen Minister, um nur ja nicht industrielle Entwicklungsmöglichkeiten in Nordrhodesien zu versäumen.

Die „British South Africa Company“ gibt sich jetzt alle Mühe, als Freund des neuen Nordrhodesien zu erscheinen. Sie hat Stipendien für afrikanische Studenten ausgeschrieben und über 20 Millionen Mark für die Entwicklung von Wohnbauprojekten für Afrikaner ausgeworfen. Die „Anglo-American Corporation“ des südafrikanischen Multimillionärs Oppenheimer bildet in aller Eile Afrikaner für verantwortliche Stellungen in ihren nordrhodesischen Betrieben aus (in Südafrika, wo der Konzern seinen Hauptsitz hat, wäre das gesetzwidrig).

Kaunda und Nkumbula werden nach ihrem Londoner Verhandlungssieg alles daransetzen, um möglichst rasch eine neue autonome Verfassung zu erkämpfen, die gleiches Wahlrecht für alle verbürgt, und dann volle Unabhängigkeit. Von den 75 000 Weißen im Land werden manche gewiß auswandern. Aber Kaunda gilt als ein Politiker von Statur: Sogar Winston Field, der neue Premierminister von Südrhodesien, gab das zu. Und Kaunda liegt daran, ordnungsgemäß vorzugehen und ein harmonisches Zusammenleben der schwarzen Bevölkerung mit den Weißen zu verwirklichen – nicht Zuletzt in der Hoffnung, dadurch die politische Entwicklung in Südrhodesien günstig zu beeinflussen.

In Südrhodesien ist seit drei Monaten eine Regierung der weiß-extremistischen „Rhodesischen Front“ an der Macht. Premierminister Field ist ein Tabakpflanzer. Er selber gilt als ehrenhafter Mann ohne extreme Rassenvorurteile. Die „Rhodesische Front“ aber hat sogar auf die Attrappen einer Rassenpartnerschaft verzichtet, mit der sich die vorige Regierung unter Sir Edgar Whitehead umgab. Die Aufrechterhaltung der absoluten Vormacht von 250 000 Europäern gegenüber drei Millionen Negern in Südrhodesien ist ihr eindeutiges Programm. Die afrikanische Nationalistenpartei ZAPU unter Joshua Nkomo ist in Acht und Bann getan. Die zugelassenen afrikanischen Parteien können nie mehr als ein Viertel der Parlamentssitze erwerben. Neue drakonische Gesetze wurden verhängt.