Hamburg

Neben der Petrikirche, gegenüber dem Hamburger Pressehaus am Speersort, liegt hinter einem Bauzaun, geschützt durch ein teures Latten-Pappdach, ein Stück „der dunkelsten Zeit Hamburgischer Geschichte“, ein Denkmal aus dem elften Jahrhundert. Bis vor kurzem war die Kostbarkeit noch mit Decken aus Glaswolle gegen den Frost geschützt. Aber diese Decken sind jetzt entfernt worden, wenigstens ein Zeichen, an dem man hierorts erkennt, daß es Frühling geworden ist.

So zart und kostbar ist das allerdings nicht, was im vergangenen Herbst beim Ausschachten für das Fundament eines neuen Gemeindehauses an dieser Stelle wiederentdeckt wurde. Aus großen und kleineren unbehauenen Feldsteinen mit Schlickmörtel zusammengefügt, liegt drei Meter unter Straßenhöhe das Fundament eines mittelalterlichen Turmes. Die Wände sind fast vier Meter dick, der Durchmesser des freigelegten Halbkreises beträgt fünfundzwanzig Meter. Ein kleines, ebenfalls rundes Fundament fand sich daneben.

Als der Bagger diese Male früher nordischer Baukunst im November unverhofft freizulegen begann, war es das vorläufige Ende des Bauens, und bis jetzt ist noch nicht abzusehen, wann und ob die Kirche, hier Bauherr, fortfahren kann, die Kellergaragen mit darüberliegenden Läden zu errichten, die ein einträgliches Fundament des neuen Gemeindehauses werden sollten.

Als der Bagger davongefahren war, kamen die Archäologen und Historiker. Dr. Bohnsack vom Museum für Hamburgische Geschichte, der die Ausgrabungen leitete, hoffte, gefunden zu haben, was man bisher nur aus einer im Jahre 1035 geschriebenen Chronik kannte: die Bischofsburg, die der Bremer Bischof Bezelin-Alebrand nach Zerstörung der alten Hammaburg gebaut haben soll. Diese Burg mit Türmen, Wehrgängen und einem großen Wohnturm für den geistlichen Herrn, soll Alebrand als Zeichen seiner Macht, aber auch zum Schutz gegen die Hamburger gebraucht haben.

Leider erwähnt derselbe Chronist auch, daß Bischof Alebrand beabsichtigte, Hamburg mit einer turmbewehrten Mauer zu umgeben. Nachdem den Ausgräbern Zweifel gekommen sind, ob sie hier wirklich die sagenhafte Bischofsburg gefunden haben – man hatte sie bisher einige hundert Meter weiter, am Schopenstehl angenommen – bleibt die weniger verlockende Möglichkeit, daß nur der Anfang des niemals weiter ausgeführten Mauerwerkes entdeckt wurde. Eine dritte Möglichkeit ist, daß man Reste der zweiten Wallanlage vor sich hat. Dafür spricht, daß ähnliche Turmreste in der nahen Steinstraße gefunden worden sind, als dort gebaut, wurde. Damals allerdings, sprach niemand von Bischof und Burg.

Das betonen jetzt nüchterne Leute, die gewissen anderen Bürgern allzu große Illusionen über die heroische nordische Frühgeschichte austreiben möchten. Der Zentralausschuß Hamburgischer Bürgervereine hat die historischen Steine begeistert begrüßt und kritisiert, daß der Senat vor allem an die Kosten dächte, die zur Erhaltung erforderlich sind. Weite Brügerkreise veranschlagen das historische Wertstück eben sehr hoch, ein Zeichen, wie relativ solcher Wert ist, je nachdem, wo er gefunden wird. Die Ausgrabungen werden mit solchen in Rom oder Köln verglichen, und wenn hier schon nicht mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit gefahren werden kann, so will sich der Bürgerstolz doch wenigstens auf feste Fundamente aus Feldsteinen stützen.