Anhaltender Kursaufschwung in Wallstreet ohne Beteiligung des breiten Publikums

Von Rudolf H. Schlesinger, New York

Selbst die Propheten und gewiegtesten Börsenspezialisten in Wallstreet hätten nach dem scharfen Kurssturz im Mai und Juni des vergangenen Jahres, in dessen Verlauf der Dow-Jones-Index der Industriewerte am 26. Juni den Tiefstand von 535 erreicht hatte, nicht vorauszusagen gewagt, daß der maßgebliche Börsenindex bis Mitte Februar 1963 nahezu 154 Punkte zurückgewinnen würde. Fast noch erstaunlicher war das Tempo der Erholung vom Tiefstand der Kubakrise bis zur zweiten Februarhälfte. Von einem Niveau von 558 am 23. Oktober kletterten die Industriewerte bis zum 18. Februar um mehr als 130 Punkte hinauf. Prozentual war sogar der Aufschwung der Eisenbahnwerte von 114 zur Zeit der Kubakrise auf nahezu 155 Mitte Februar noch imposanter. Keine der europäischen Börsen und ganz gewiß nicht die Effektenmärkte der Bundesrepublik hatten seit der Kubakrise eine ähnliche Erholung aufzuweisen wie der New Yorker Markt.

Noch viel erstaunlicher ist es, daß die Aufwärtsbewegung am New Yorker Aktienmarkt seit Oktober sich ohne Beteiligung des breiten Publikums vollzogen hat. Tatsächlich hat nicht nur das breite Publikum, sondern auch die große Anzahl der kleineren Anleger, die noch bis zum Frühjahr des vergangenen Jahres „im Markte“ waren, eine der besten Chancen, Börsengewinne zu erzielen, verpaßt. Die Entwicklung, die sich seit Oktober an der New Yorker Börse vollzogen hat, wäre in Europa gänzlich undenkbar gewesen. Eine so breite Aufwärtsbewegung ohne Beteiligung des großen Publikums hätte sich an keiner der europäischen Effektenbörsen durchsetzen können.

Falsch ausgestiegen

Es geht sogar noch viel weiter. Wie aus den letzten Börsenstatistiken hervorgeht, waren die kleinen Anleger oder kleinen „Spekulanten“, wenn man sie so nennen will, per Saldo Verkäufer von Aktien. Das kann man deshalb sehr leicht feststellen, weil der Aktienhandel in „odd lots“, d. h. in Mengen von weniger als 100 Aktien, der von den kleinen Anlegern vorgenommen wird, seit dem letzten Herbst im Verhältnis zum Börsenhandel in „round lots“ (Paketen von mindestens 100 Stück Aktien) auf den niedrigsten Stand der letzten Jahre gesunken ist. Im November 1962, als der Dow-Jones-Index der Industriewerte einen Rekordgewinn verzeichnete, sank das Verhältnis zwischen dem Umsatz von odd lots und round lots an der New York Stock Exchange auf den allertiefsten, jemals ausgewiesenen Stand von 14,9 %. Während der letzten Monate übertrafen aber bei den „odd lotters“, also den kleinen Spekulanten, die Aktienverkäufe bei weitem die neuen Aktienkäufe.

Im Dezember erreichten diese Liquidationen einen Umfang, der um 2,66 Mill. Aktien höher lag als die neuen Aktienkäufe; das war ein bisherigen Höhenrekord. Im Januar zeigte der Überschuß der Verkäufe von odd lots über die Käufe wiederum einen Rekord für diesen Monat, und obwohl die Ziffern für Februar noch nicht bekannt sind, meinen die Börsenmakler, daß die kleinen Anleger auch während der letzten Wochen per Saldo aus den Aktien ausgestiegen sind.