Schottische Sehweigekur – Abenteuer für den Fremden: Farben und Formen

Von Ursula Schülke

Ich habe eine Woche Zeit und würde gern ein paar Tage der Erholung daraus machen. Können Sie mir irgendein hübsches Fleckchen empfehlen? An einem der vielen Seen vielleicht? Nur, bitte – es müßte ein See sein, wissen Sie, an dem nichts los ist.“

Der kleine rotwangige Mann am Schalter des Edinburgher Reisebüros schaute ein wenig ratlos drein und sagte zunächst gar nichts. Wie sollte er meine Frage auch beantworten? Sie war die dümmste, die man in einem schottischen Reisebüro stellen kann, denn es gibt in ganz Schottland kein Fleckchen, das nicht schön wäre, und unter den zahllosen Seen ist nicht ein einziger, an dem „etwas los“ wäre. Aber das wußte ich damals noch nicht, und so tippte ich denn ungeduldig mit dem Finger auf irgendeinen der fjordähnlichen Wasserflächen an der schottischen Westküste.

„Wie ist es denn hier?“ Da strahlte der Mann über’s ganze Gesicht, und begeistert sagte er: „Oh, lovely!“

Es war später Nachmittag als ich ankam. Das Hotel war wie ausgestorben. Irgendwo in der dämmerigen Halle fand ich an der Wand – zwischen einem ausgestopften Raubvogel und dem Omnibusfahrplan – einen Klingelknopf. Es dauerte ziemlich lange, bis sich im dunklen Hintergrund eine weiße Schürze abzeichnete, die sich lautlos auf mich zubewegte. Das übrige wurde erst sichtbar, als das Mädchen, das diese Schürze trug, vor mir stand: schwarzes hochgeschlossenes Kleid, das fast bis zum Knöchel reichte, schwarze Strümpfe, feste schwarze Schuhe – eine Erscheinung, die nicht viel Ähnlichkeit hatte mit dem, was man sich allgemein unter einem Stubenmädchen vorstellt. Der großen weißen Schürze fehlte die kokette Schleife, dem Mund in dem blassen, jungen Gesicht das Lächeln. Wie dieses Mädchen streng aussehen konnte, ohne unfreundlich zu wirken, blieb eines der vielen ungelösten Insel-Rätsel.

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