Gibt es für uns noch fremde Lyrik? Die neuen Dichter Afro-Amerikas zum Beispiel, deren Gedichte seit etwa sieben Jahren in Übertragungen bei uns erscheinen – wir haben sie schon in die Klasse der Neo-Expressionisten und der Surrealisten aufgenommen. Die Töne schienen uns vertraut, denn wir hielten unsere Ohren für fein genug. Sind sie es?

Die Insel Martinique, eine der kleinen Antillen, war dreihundert Jahre lang französische Kolonie. Wenige französische Großgrundbesitzer bauten mit Hilfe vieler afrikanischer Sklaven Bananen an und Zuckerrohr. Seit 1945 ist die Insel französisches Departement, und die 300 000 Einwohner, zu vier Fünfteln Neger und Mischlinge, sind in der Nationalversammlung durch drei farbige Abgeordnete vertreten. Der berühmteste unter ihnen, zugleich Bürgermeister der Hauptstadt Fort-de-France, ist Aimé Césaire.

Er hat in Paris Literatur studiert. Bevor er 1939 als Studienrat an das einzige Lyzeum in Martinique ging, veröffentlichte er ein Gedicht. In Paris hatte es keine Resonanz, dafür aber in Kuba und Südamerika und in Afrika. Überall dort hatte man ihn sofort gehört und verstanden – und nicht als Surrealisten.

Dieses eine Gedicht, das ein „Heft“ füllt, begründete seinen Ruhm, und mit ihm beginnt die afro-amerikanische Lyrik. Die Gedichte der neuen farbigen Autoren, deren sich bei uns Janheinz Jahn angenommen hat, darunter auch spätere von Césaire, kennen wir seit einigen Jahren aus Anthologien. Es fehlte aber die wichtigste Quelle zu ihrem Verständnis –

Aimé Césaire: „Zurück ins Land der Geburt/Cahier d’un retour au pays natal“, Französisch und Deutsch, aus dem Französischen übertragen und mit einem Nachwort von Janheinz Jahn; Insel-Verlag, Wiesbaden; 96 S., 12,80 DM.

Es ist geschrieben in freien Rhythmen, die immer wieder in Prosa hineinwachsen oder sich zusammenziehen zu „Strophen“, gebaut mit den Mitteln von Beschwörung und Tanz. Gesprochen wird von dem Elend der Antillen, von der Kolonialzeit, den Franzosen und Afrika, von Schwarzen unter Weißen.

Vieles allerdings scheint unverständlich oder doch surrealistisch. Es bezieht sich zumeist auf die Geschichte der Insel. Zwei Beispiele. „Der Wald miaut“ bedeutet: Die entflohenen Sklaven pflegten Tierstimmen nachzuahmen, um sich unerkannt Zeichen zu geben. „Daß der Baum die Kastanien aus dem Feuer holt“ – Kastanien, so wurden die ausgerissenen Sklaven genannt; hatten sie die Bäume erreicht, konnten sie sich emporschwingen und entkommen.