Merkwürdig, wie viele Sportler – und besonders die berühmten – vom Bangen um den Erfolg nicht nur getrieben, sondern auch gequält, werden. Von Georg Thoma der in diesem Winter, sicher der erfolgreichste Skisportler der Welt gewesen ist, erzählt man sich, er könne in den Nächten vor dem Langlauf nur schlecht oder gar nicht schlafen. Müde und zerschlagen, einige Male sogar mit Fieber, sei der Schwarzwäldler am Morgen des zweiten Wettkampftages der Nordischen Kombination (am ersten Tag wird das Springen ausgetragen) in die Spur getreten. Dann aber lief er Zeiten wie nie zuvor. Thoma, der schon immer ein exzellenter Springer war, aber lange Zeit nur als mittelmäßiger Langläufer galt, überholte alle Läufer, die bisher schneller gewesen waren als er und war schließlich auf der 15-Kilometer-Loipe der Beste. Er schlug die Finnen und die Norweger, die einst die Könige der Nordischen Kombination gewesen waren.

Drei Jahre sind vergangen, seit Georg Thoma die Goldmedaille der Kombination am McKinney Creek in Squaw Valley gewonnen hat. Zum ersten Male war in diesem klassischen Wettbewerb, bei dem man ebenso gut springen wie laufen muß, die skandinavische Hegemonie durchbrochen worden. Inder langen Reihe der Olympiasieger seit den ersten Winterspielen vom Jahre 1924 befindet sich außer Norwegern nur ein Finne. Man sprach damals von einem Überraschungssieg, einem einmaligen Erfolg, den Thoma wohl nie würde wiederholen können.

Auch im Südschwarzwald, wo Georg, den die Mutter liebevoll „Jörgli“ rief, als Zweitältester der sieben Kinder groß wurde, hatte man, trotz vieler Erfolge zuvor, nie an diesen Olympiasieg gedacht. Vielleicht hoffte man im stillen auf eine Medaille, aber Gold – nein, das wäre doch fast zuviel gewesen. Der Vater und die Mutter sind einfache Leute. Als Wegemeister brachte Vater Albert, der später im Winter die Kurgäste im Skilauf unterrichtete, die große Familie durch. Auch das „Jörgli“ lernte vom Vater die ersten Schritte auf den Brettern, die ihm einmal die (sportliche) Welt bedeuten sollten. Und als im 22. Februar 1960 Radiostationen und Nachrichtenbüros den Olympiasieg Georg Thomas in alle Welt meldeten, saß die Familie Thoma im bescheidenen Schroflehüsle, hoch über dem wildromantischen Höllental und gut eine halbe Wegstunde von Hinterzartens Ortsmitte entfernt, friedlich beim Abendbrot.

Im „Thoma-Häusle“ im Bistenwald ließ man es geruhsam angehen. Wie der Jörgl abgeschnitten hat, nun, das würde man schon noch erfahren. Spätestens aus der Zeitung am nächsten Tage, denn einen Rundfunkempfänger besaßen die Thomas nicht. Unten in Hinterzarten aber brach der Jubel los, als der Sportreporter Gerd Mehl die Einheimischen persönlich ansprach: „So, ihr lieben Hinterzartener, jetzt setzt euch erst mal ...“ Da wußten sie alle Bescheid, und ein Rennen hub an, denn jeder wollte als erster der Thoma-Familie die Freundennachricht überbringen. „Ihr spinnet jo ...“, war die erste Reaktion des Vaters.

Dies alles sei noch einmal in die Erinnerung gerufen, denn mit dem Ruhm trat, wie an viele andere Spitzensportler, nun auch die Versuchung an Georg Thoma heran. Daß er ihr nicht erlag, daß er blieb, was er war, spricht für diesen bescheidenen Jungen, der als Hütebub seine ersten Schritte auf. Skiern tat, sich mit vierzehn als Holzfäller in seinen Bergen Kraft holte und als Postbote, der täglich oft über 30 Kilometer zu den Einödhöfen laufen mußte, die Ausdauer dazu, um schließlich zum „Ski-König“ unserer Tage zu werden. Thoma, den die deutsche Sportpresse 1960 zum „Sportler des Jahres“ wählte, dem der Bundespräsident den Silberlorbeer verlieh und der es lernte, Interviews zu geben und mit seinem Minister zu speisen, schnappte nicht über.

Für Georg Thoma ist das Jahr sportlich schon vorbei. Er hat gewonnen, was international zu gewinnen war. Mit einem Male ist der Schwarzwäldler, dessen Olympiasieg die Skandinavier für einen Zufall gehalten hatten und der 1961/62 so sehr vom Pech verfolgt war, wieder Olympiafavorit geworden. Ende Januar 1964 schon beginnen in Innsbruck die nächsten Olympischen Winterspiele, bei denen er seinen Titel in der Nordischen Kombination verteidigen muß. Gegenwärtig gibt es niemanden, der ihn schlagen könnte. Aber bis Innsbruck kann sich noch manches ändern. Ein Glück, daß der jetzt 25jährige Thoma neben Können und Kraft auch eine gute Portion Ehrgeiz und einen zähen Willen besitzt. „Es wäre ein phantastischer Höhepunkt, wenn ich ein zweites Mal die Goldmedaille erringen könnte“, meinte er zum Ende der Wintersportsaison, und damit hat er sein Ziel abgesteckt.

In den alpinen Ländern mag die Nordische Kombination im Schatten des artistischen Skispringens und der erregenderen alpinen Abfahrts- und Slalomläufe stehen. Welche Disziplin größeren sportlichen Wert besitzt und wo die besesseneren, ehrlicheren Amateure ihren Sport betreiben, darüber dürfte kein Zweifel bestehen. Zuschauerzahlen sind niemals ein Maß für den Wert eines Sports. Mißt man im Skisport am Maßstab des Athleten, dann steht der kombinierte Läufer ganz obenan. In Skandinavien weiß man das, in Mitteleuropa aber sollte man es nicht vergessen.