In Seoul geht der „Tiger“ um. Der Tiger – damit meinen die Südkoreaner den Typ jenes jungen, energischen, machtbesessenen Offiziers, der die Gewalt, mit der er über die asiatische Halbinsel herrscht, nicht aus den Händen geben will. „Der Tiger ist hungrig, paß auf!“ So heißt der eine Warnspruch, den man in diesen Tagen in den Straßen Seouls hören kann. Ein anderer lautet: „Es ist kluger, sich dem Tiger zu beugen, ehe man ihm sein Fressen wegnimmt.“

Über Südkorea lastet Hochspannung; abermals droht ein Bürgerkrieg. Jene Studenten der „Aprilrevolution“, die vor drei Jahren den greisen Diktator Syngman Rhee ins Exil nach Honolulu trieben, wo er seitdem dahinsiecht, ziehen wieder in langen. Marschkolonnen durch die Straßen der Hauptstadt Seoul und verteilen Flugblätter. Diesmal sträuben sie sich gegen die zweite Diktatur der „Dritten südkoreanischen Republik“ – gegen die Offiziere um den General Park Tschung Hi, den Chef der Militärjunta. Die Sinnenden und die in den Hintergrund gedrängten Politiker fordern bei ihren Demonstrationen, daß Park sein Versprechen einlöse, die Regierungsgewalt nun endgültig wieder in die Hände der Zivilisten zu legen.

Der General, der seit dem letzten Putsch im Jahre 1961 an der Macht ist und der schon damals, während eines Besuches in Washington, Präsident Kennedy die Ablösung des Militärregimes durch ein Parteienkabinett für den Sommer 1963 zusagte, ist plötzlich in eine schier ausweglose Lage geraten: dort der Druck der Amerikaner, von denen Südkorea abhängig ist, das Drängen der jungen Intellektuellen und der Parteiführer, hier die Drohung der Generale und Admirale in den Stäben der südkoreanischen Armee, die Militärdiktatur auf weitere vier Jahre auszudehnen oder aber gestürzt zu werden. Dreißig Offiziere, die jüngst öffentlich gegen die „demokratischen“ Zukunftspläne Parks protestierten, ließ der General einsperren. Sie aber antworteten: „Wir werden für die Erreichung unserer Ziele sterben!“ Und fürs erste hatten sie auch Erfolg mit ihrer Demarche: Park erneuerte das Parteienverbot, stellte die Presse wieder unter schärfere Kontrolle und ordnete, als Kompromißlösung, ein Referendum an, bei dem das Volk die Amtszeit der Militärjunta für ein Jahr bestätigen soll.

Die neuen Drangsalierungen und der Volksentscheid machen die schwache Position des Generals augenfällig. Nur zu gut haben die Südkoreaner noch jene peinliche Szene im Gedächtnis, da Park vor drei Wochen mit Tränen in den Augen und zittriger Stimme vor aller Öffentlichkeit bekannte: „Wir sind gescheitert.“ Und sie erinnern sich auch des Eingeständnisses seines Hauptberaters und Geheimdienstchefs Kim Tschong Pil: „Ich hin ein gefallener Mann.“

Park ist ohne die Offiziere der 600 000 Mann starken Armee ein toter Mann. Nur auf sie könnte er sich noch verlassen, sollte es in Südkorea hart auf hart gehen und das Volk, aufgestachelt von den Studenten und den Politikern, tatsächlich einen Umsturz wagen. In dieser heiklen Situation muß er, ohne Washington allzu schroff vor den Kopf zu stoßen und die Unzufriedenen unter den Militärs und Zivilisten zu erzürnen, den südkoreanischen „Tiger“ im Zaum zu halten suchen.

Sicher ist, nach den Wirren der letzten Wochen, nur das eine: Südkorea ist auch heute nicht „Asiens Schaufenster der Demokratie“. Jenes Schlagwort, das John Foster Dulles vor zehn Jahren prägte, ist nichts anderes als ein Wunschtraum. Das sieht auch die Kennedy-Regierung ein, die sich zwar endlich von jenen Militärregierungen trennen möchte, die Washington lange wohlwollend geduldet hat, die es aber trotzdem nicht auf einen Umsturz ankommen lassen kann. Sie muß sich damit abfinden, daß an Südkoreas „Grenze der Freiheit“, angesichts der kommunistischen Gefahr am 38. Breitengrad, die Offiziere das Heft in der Hand behalten – auch wenn das Volk ihrer überdrüssig geworden ist und danach verlangt, sich selber zu regieren. Kennedy muß sich wohl gedulden, bis jener gefürchtete „Tiger“ einen Dompteur gefunden hat, der ihm überlegen ist und der ihn zu bändigen vermag. Noch gibt es weit und breit keinen Politiker, der das Talent und auch die Macht dazu besäße. D. St.