Die Legende vom "Deutschen Spiel"

Am 23. März 1963, um 21.25 Uhr, brach am Stadtrand von Dortmund ein Vulkan aus: Die Kuppel der Westfalenhalle bebte unter dem Siegschrei von 13 000 Handballfans. Deutschlands Nationalmannschaft im Hallenhandball hatte das Team der Tschechoslowakei 12:7 besiegt. Was sich hier in dem Aufschrei der Menschen artikulierte, was aus der Masse herausbrach, war, wie weiland in Bern, Weltmeisterschaftshochgefühl.

Zwar ging es in Dortmund nicht um Weltmeisterlorbeer; aber die schneeweiß gekleideten Balljongleure der Bundesrepublik hatten in der vergangenen Saison, von einem Schönheitsfehler abgesehen, in bestechender Manier alle Kontrahenten niedergespielt, nach dem Weltmeister Rumänien nun auch die gegenwärtig stärkeren Tschechen. "Ich habe das Spiel Ihrer Mannschaft nicht ohne eine Spur von Neid verfolgt gestand Kurt Wadmark, Schwedens großer Hallenstratege. "Hätte es in diesem Jahr eine Weltmeisterschaft gegeben, Sie wären kaum zu schlagen gewesen.

Nun, es wird eine Weltmeisterschaft geben in diesem Jahr: Im Feldhandball. Die Schweiz wird sie im Juni ausrichten. Aber die Propheten des "Deutschen Spiels" denken mit Scham und Rührung an die Meldeliste: Nur die Schweiz, Österreich, Polen, Holland und die beiden Mannschaften aus dem Osten und Westen Deutschlands haben sich um den Titel beworben, dazu Israel und die USA, die nur zum Lernen kommen werden. Ein Endspiel Deutschland gegen Deutschland wird nicht zu vermeiden sein – und das wäre wahrscheinlich das Ende einer Weltmeisterschaft im Feldhandball überhaupt.

Ironie der Sportgeschichte: In Deutschlands stärkster Handballstunde wird die Hoffnung begraben, das "Deutsche Spiel" als Konkurrenz des Fußballs und des Basketballs über den Erdball zu verbreiten. Das kümmerliche Feldturnier in der Schweiz – zur vielbegehrten Hallenweltmeisterschaft 1964 in der Tschechoslowakei haben sich jetzt schon dreißig Nationen gemeldet! – beweist die These: Das Handballspiel kehrt zu seinen Ursprüngen zurück. Und diese These zerstört eine Legende.

So lautete die Legende: Carl Schelenz, der "Vater des Handballs", hat im Jahre 1920 das "Deutsche Spiel" erfunden, nachdem er in einer dänischen Halle schon während des Krieges gesehen hatte, wie Turnerinnen mit einem Fußball nach primitiven Regeln mit der Hand spielten. Schelenz’ neues Spiel setzte sich sehr schnell durch; 1936 wurde es olympiareif, 1938 gab es die erste Weltmeisterschaft, bevor der Krieg den missionarischen Drang der deutschen Handballväter stoppte. 1948 durfte Deutschland am Weltturnier noch nicht teilnehmen, ab 1952 wurde es dann wieder Weltmeister.

Tatsache dagegen ist, daß Handball gar nicht in Deutschland erfunden wurde. Seine geistige Wiege liegt in Springfield, Massachusetts, wo Dr. James Naismith, Instructor der International Y. M. C. A. Training School, im Jahre 1892 das Korbballspiel "Basket-Ball" erfand. 1897 führten die Turner das Spiel auch in Deutschland ein. Es fand aber ebensowenig Verbreitung wie der "Raffball" (1897) oder der "Wiesbadener Torball" (um 1900). Raffball war dem griechischen Harpaston nachgebildet, das uns – wie zwei andere Handballspiele der Antike, Episkyrus und Pheninda – von Epiktet, Galen und Pollux beschrieben wird.

Der eigentliche Erfinder des Handballspiels aber war – ein Tscheche. 1905 stellte Prof. A. Kristof in Prag die Regeln für das Házená-Spiel zusammen, das sich in der Drittelung des Spielfeldes an den tschechischen Nationalsport Eishockey anlehnte, im übrigen aber die Regeln des Hallenhandballspiels in nuce bereits enthielt. Hier sind wir an der Quelle der Legende vom "Deutschen Spiel". Sie sprudelte aus Eitelkeit. Walfried Riekhoff, einer der wenigen Handballhistoriker, erhielt von Carl Schelenz die Auskunft, er habe von den Vorläufern des Handballs nichts gewußt, als er 1919/20 das Handballspiel erfand.

Die Legende vom "Deutschen Spiel"

Willi Burmeister dagegen, einer der ältesten und verdienstvollsten, noch heute tätigen Handballpioniere, sagt: "Carl Schelenz lernte im Osten während des Weltkrieges als Soldat von den Tschechen im österreichischen Heer das Házená kennen." Woraufhin Riekhoff mit gebotener Pietät gegenüber Schelenz folgert: "Da unglücklicherweise die Sportjournalisten den Dipl.-Sportlehrer Schelenz allgemein als den alleinigen Urheber des Handballspiels bezeichnen, darf man annehmen, daß C. Schelenz infolge der wiederholten Durchsicht zahlreicher, wenig sachkundiger Artikel von der Echtheit seines Patentrechtes überzeugt wurde und schließlich auch die Vorläufer des Handballspiels seinem Gedächtnis entfielen."

War also Schelenz schon nicht der Erfinder des Handballs, so doch vielleicht der Initiator dieses Spiels in Deutschland? Auch dieser Teil der Legende ist widerlegbar. Der Vater des Handballs in Deutschland heißt – Max Heiser. Ei spielte schon in den Jahren 1915 bis 1917 mit Turnerinnen in Berlin Hallenhandball und legte die Regeln 1917 fest. Aber bis zu diesem Zeitpunkt haben wir es allein mit Hallenhandball zu tun, auch bei den hier nicht erwähnten Vorläufern in Dänemark und Schweden (seit 1906), die Heiser gekannt und Schelenz verdrängt haben muß.

Wer kam auf die Idee, Handball auf die Riesenausmaße eines Fußballfeldes zu übertragen? Carl Schelenz? Abermals nein! Es war "Mister Olympia" persönlich, Prof. Dr. Carl Diem, der 1919 als Generalsekretär des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen dem Stadionlehrer im "Deutschen Stadion" in Berlin den Auftrag gab, ein Feldspiel zu entwickeln, das nicht (nach Diems Worten) durch "das Treten des Balles auf der atavistischen Linie liegend an die Urinstinkte des Menschen appelliere". Der Stadionlehrer aber hieß Carl Schelenz. Und nun möge ihm Gerechtigkeit widerfahren, denn seit dieser Stunde sind die Regeln, die Entwicklung und der missionarische Eifer des Handballs von seinem Namen nicht mehr zu trennen.

Das deutsche Spiel ist also ein tschechisches. Diem allerdings, der große Freiluft-Enthusiast, sah in dem Hallenspiel ein dumpfes, embryonales Stadium, das mit der Geburt der Feldhandball-Idee überwunden werden sollte. Er, der große Goethe-Kenner, zitierte gern aus den Gesprächen mit Eckermann (11. März 1828): "Die frische Luft des freien Feldes ist der eigentliche Ort, wo wir hingehören; es ist, als ob der Geist Gottes dort die Menschen unmittelbar anwehte und eine göttliche Kraft ihren Einfluß ausübte."

44 Jahre Handballgeschichte haben die Kritiker des Feldspieles nicht davon abbringen können, zu behaupten, es sei ein synthetisches Spiel. Fußball, Basketball, Eishockey und Hockey standen an seiner Wiege. Im Laufe seiner Geschichte gab es immer wieder Kritik an den Regeln; viel wurde an ihnen herumexperimentiert. "Gegenüber den Regeln eines Spiels", hat Paul Valéry einmal gesagt, "gibt es keinen Skeptizismus." Wenn er recht hätte, wäre Handball kein Spiel, oder ein synthetisches.

Nun kehrt das Handballspiel wieder zu seinen Ursprüngen zurück, zu dem kleineren Spielfeld in der Halle und an der frischen Luft. Denn längst haben sich die meisten Handballnationen der Welt zum Kleinfeldspiel bekehrt. Es ist für die Frauen und Jugendlichen handlicher, für die Männer und Zuschauer interessanter. Es scheint einfach dem Spielgedanken angemessener zu sein als die pathetische Ausweitung auf einen Riesenraum, der nicht gebraucht wird. Aber Deutschland, befangen in der Legende vom "Deutschen Spiel", befeuert von dem Gedanken, am deutschen Handballwesen möge das Spiel genesen – Deutschland verbot das Kleinfeldspiel. Inzwischen gibt es Weltmeisterschaften im Kleinfeldspiel für Frauen, und die Männer werden auch nicht mehr lange zu warten haben. Die Meldeliste für die Weltmeisterschaft im Großfeldspiel in der Schweiz spricht Bände.

Doch das Feldspiel liegt noch nicht in der Agonie. Die große Geste, die Diem eigen war, die er dem Spiel aufgedrückt hat – sie wurde und wird von einigen Spielern und Mannschaften verstanden und nachempfunden. Das strahlendste Beispiel war die deutsche Weltmeisterschaft zwischen 1950 und 1955, unlösbar verbunden mit den Namen Kempa, Dahlinger, Kuchenbecker, Schädlich. Sie "behandelten" im Wortsinne den übergroßen Raum mit den überlegenen Mitteln des Laufspiels und des weitgreifenden Wurfspiels. Und sie vermochten auch, die Begeisterung der Zuschauer für dieses Spiel zu wecken.

Es gibt auch heute noch solche Mannschaften und einige Spielerpersönlichkeiten, die den Ansprüchen des übergroßen Raumes gewachsen sind. Aber das Heer der Anfänger und Mittelmäßigen, der Fortgeschrittenen und Ambitiösen sehnt sich nach der leichteren Hantierbarkeit mit dem angemessenen Feld. Auch in Deutschland. Das Feldspiel hat keine große Zukunft mehr. Aber es ist noch lange nicht tot. Und ähnlich, wie Mark Twain an eine Zeitung, die ihn tot gemeldet hatte, depeschiert, so könnten heute die Verteidiger des Feldhandballes den Kritikern entgegenhalten: Nachricht von seinem Tode stark übertrieben." Jürgen Isberg