Von Kurt Wen dt

Etwa drei Monate lang litten die deutschen Aktienmärkte unter den Sünden, die in den letzten Wochen des Dezember an ihnen begangen worden waren. Wer damals die Kursbewegungen aufmerksam verfolgte, konnte unschwer feststellen, daß vielen Stellen daran lag, die Jahresultimo-Kurse ohne Rücksicht auf die vermögenssteuerlichen Folgen anzuheben. Die Motive für diese Absicht mögen recht unterschiedlicher Natur gewesen sein, in der Hauptsache dürfte wohl der Wunsch maßgebend gewesen sein, die leidigen Abschreibungen auf die Aktienbestände in möglichst engen Grenzen zu halten. Weder den Banken noch den Versicherungen war am Ende des Geschäftsjahres 1962 an zusätzlichen Abschreibungsmöglichkeiten sonderlich gelegen. Schließlich soll die Ertragskurve keinen allzu scharfen Knick nach unten bekommen.

Man konnte sich also nicht wundern, wenn sich die Jahresultimo-Kurse im späteren Ablauf als „aufgebläht“ herausstellten. Als im Januar die kurspflegerischen Gründe fortfielen und der Markt sich selbst überlassen blieb, setzte ein allgemeiner Kursabstieg ein. Wer überdies gehofft hatte, daß aus den Mitteln des Zinstermins einiges für den Aktienkauf abgezweigt werden würde, sah sich bald enttäuscht. Alles Geld floß in den Rentenmarkt zurück. Versuche des sogenannten Berufshandels, die Kurse auf dem Aktienmarkt durch kleine Zwischenbewegungen für das Publikum interessant zu machen, schlugen fehl. Die breite Bankenkundschaft ließ sich nur in Ausnahmefällen bewegen, ihre Aktenbestände zu vergrößern.

Anders stand es mit den traditionellen Akt Ankäufern (Investment-Fonds, Versicherungsgesellschaften usw.). Sie sind meist zur Risikostreuang gezwungen (und müssen deshalb auch Aktien erwerben) oder werden (wie die Investment-Fonds) durch den Verkauf ihrer Zertifikate in die Notwendigkeit versetzt, ihre Portefeuilles anzureichern, und zwar auch dann, wenn sie überzeugt sind, daß sich kurzfristig noch keine Aufwärtsbewegung am Aktienmarkt ergeben wird. Die Banken selbst dürften mit Aktienkäufen zurückhaltend gewesen sein. Sie rechnen in diesem Jahr mit einem Abfluß der Liquidität und müssen außerdem ihr Pulver für mögliche Kapitalerhöhungen trockenhalten. Hinzu kommt, daß für sie am Rentenmarkt bessere Geschäfte zu machen waren (und sind).

Dennoch ist in den letzten vier Wochen ein großer Teil des nach dem Jahresultimo flottant gewordenen Aktienmaterials ziemlich fest placiert worden, so daß man nunmehr von einer gesunden Marktverfassung sprechen kann. Weder die RWE-Kapitalerhöhung noch der Ablauf der zweijährigen Verkaufssperre oder die Tarifkündigungen in der Metallindustrie haben das Kursniveau in irgendeiner Weise erschüttern können. Die Politik spielt augenscheinlich als Börsenfaktor nur am Rande eine Rolle. Mit den ständigen Stimmenverlusten der CDU hat sich die Anlegerschaft abgefunden. Auf ausländische „Hilfe“ ist man wegen des geringen Aktienangebots nicht unbedingt angewiesen; auch die New Yorker Aktienkursbewegungen spielen nur noch eine untergeordnete Rolle, wie sich aus unserem Kursvergleich (siehe graphische Darstellung) unschwer ablesen läßt.

Es ist falsch, von einer einheitlichen deutschen Börsentendenz zu sprechen. Da wir davon ausgehen müssen, daß gegenwärtig vornehmlich „Kenner“ Aktien kaufen, werden heikle Marktgebiete (wie z. B. der Montanmarkt) unberücksichtigt gelassen. Die Auswahl an makellosen Papieren ist groß genug, so daß man sich nicht auf irgendwelche Abenteuer einzulassen braucht. Favoriten solider Anleger sind zur Zeit die Versorgungswerte. Deshalb auch die rasche Unterbringung der jungen RWE-Aktien. Neuerdings scheint man sich auch der Papiere der HEW zu erinnern, die mit einem Kurs von 192 % und einer Dividende von 10 % eine recht akzeptable Rendite bringen. In- und ausländische Kapitalanlagegesellschaften ergänzten daneben ihre Bestände an Vorzugsaktien der Nordwestdeutsche Kraftwerke, zur Zeit wohl das Paradepferd dieser Gruppe.

In den letzten Tagen gab es einigen Wirbel um die Automobil-Aktien. Das Frühjahrsgeschäft auf dem Automobilmarkt ist angelaufen; es verspricht ein gutes zu werden. Nach Meinung der Experten dürften die teilweise recht umfangreichen Lager bald geräumt sein. Die Abschlüsse für 1962 werden sicherlich gut werden. Mitte Mai wird das Volkswagenwerk seine Bilanz veröffentlichen. Die Börsenpessimisten fragen aber: „Und was kommt danach Sind in der Bundesrepublik die Kapazitäten der Automobilindustrie überdimensioniert? Eine Frage, deren Berechtigung nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen ist.