Von Otto Köhler

Das ist seltsam und fast ärgerlich: Vernünftige Zeitgenossen werden, sobald sie französische Texte ins Deutsche übertragen, auf rätselhafte Weise zu finsteren Reaktionären. Hans Magnus Enzensberger etwa – aus freien Stücken niemals zur Camouflage eines wilden Manchester-Kapitalismus erbötig –, behauptete in seinem sonst so vorzüglichen „Museum der modernen Poesie“ von Arbeitern, die in Guillaume Apollinaires Gedicht „Zone“ von Montagfrüh bis Samstagabend in die Fabrik müssen, „am Samstag haben sie frei“, ja, er machte sogar im gleichen Gedicht aus einem René Dalize zwei Personen „Dalize und René“, so als müsse er die bevölkerungspolitischen Vorstellungen des Familienministeriums propagieren.

Und jetzt führt Hans Heinz Holz, ein philosophischer Publizist von unbezweifelbarer Progressivität, gleich auf der ersten Textseite von

Jean Paul Sartre: „Freundschaft und Ereignis – Begegnung mit Merleau-Ponty“; Insel Verlag, Frankfurt; 80 S., 6,80 DM

durch seine Übersetzung einen Teil vom gegenwärtigen Unglück Frankreichs darauf zurück, daß Maurice Merleau-Ponty, Philosoph und Mann der Linken, nach 1945 Soldat geblieben ist.

Wer deshalb schon den Lebenslauf Merleau-Pontys mit „Philosoph im Ehrenkleid“ oder ähnlich umschreiben möchte – das macht sich bei uns besonders gut – dem sollte man doch einen Blick in den französischen Originaltext empfehlen. Dort schreibt Sartre etwas ganz anderes, nämlich daß die Befehlsgewalt über die französische Armee in den Vorkriegsjahren in den Händen von eingebildeten Dummköpfen lag und Frankreichs Unglück darauf zurückzuführen sei, daß sie nach 1945 dort geblieben ist.

Indes, was immer auch bei uns über Merleau-Ponty erzählt wird, das Publikum muß daran glauben, denn sieht man von wenigen Aufsätzen in Fachzeitschriften und einer ausführlichen Zitation im kürzlich auf Deutsch erschienenen „Panorama des zeitgenössischen Denkens“ von Gaetan Picon ab, so ist Merleau-Ponty in Deutschland fast unbekannt.