Alle Jahre wieder – wie das Christuskind und um die gleiche Zeit – kommt N. O. Scarpi mit einem neuen Bändchen kampferprobter Anekdoten nieder. Kampferprobt darum, weil sie sich schon in zahlreichen Vorabdrucken bewährt hatten, und was sich oft bewährt, wird endlich gut. Dieser seiner Sammelleidenschaft und spendierfreudigen Mitteilsamkeit verdankt Scarpi im wahlheimatlichen Zürich den Necknamen Anekdoteies; er trägt ihn mit bescheidenem Stolz und mit humoriger Würde. Scarpi ist aber nicht nur Anekdotenkompilator, er ist auch ein überaus fruchtbarer Übersetzer, vornehmlich gehobener Unterhaltungsliteratur, ein alter Praktiker und mit vielen Wässerchen gewaschen. Seine Causerie verspricht freilich mehr, als sie hält. Sie bleibt immer hübsch an der Oberfläche und plätschert munter und etwas selbstzufrieden dahin wie ein geschwätziges Bächlein, nie langweilig, aber auch nie tief, wortreich, aber nicht sonderlich gedankenvoll. Manchmal rauscht es ein bißchen arg pathetisch, es mimt ein Wasserfällchen oder stellt böse Strudel dar, aber solcher Aufruhr verebbt rasch wieder.

„Übersetzen für Anfänger“ betitelt sich das Bändchen, doch wer glaubt, er könne da einem Meister ein paar Arkana abgucken, wird enttäuscht sein. Er findet eine Handvoll Allerweltsweisheiten, etwa daß „ein literarisches Werk nur von einem Literaten übersetzt werden sollte, um auch in der Übersetzung ein Stück Literatur zu werden“, oder daß der Übersetzer nicht nur die Sprache, aus der er übersetzt, beherrschen müsse, sondern auch seine Muttersprache. Das eben nennt man Eulen nach Athen tragen oder einen Tropfen auf einen heißen Stein träufeln. Auch wird der einigermaßen kritische Leser große Augen machen, wenn er einen Satz wie den folgenden liest: „Vom Übersetzen zu sprechen, heißt somit, vom Schreiben zu sprechen, und zwar vom literarischen Schreiben, dem es nicht genügt, wenn das Wort Aussage bleibt, sondern das es zum Ausdruck steigern will.“ Das klingt nicht gerade nach beherrschtem Deutsch. Quandoque bonus darmitat Homerus.

Wo aber der Verfasser das glitschige Parkett der Theorie verläßt und die Früchte seiner praktischen Erfahrung auftischt, wenn er etwa ein pa,ar köstliche Muster und Trouvaillen übersetzerischer Fehlleistungen bietet, vermag er zu fesseln und zu amüsieren. (Nur schade, daß er seine Quellen verschweigt!) Das „Ufer der Gauche“ (für la rive gauche), an der angeblich Paris liegt, ist ebenso zwerchfellerschütternd wie das allons aux vêpres, das als „gehen wir Kaffee trinken“ auftritt. Allerdings: The purple emu laid Marat another egg als Übersetzung für Le peuple ému respondit à Marat scheint mir eher ein bewußter Witz, schon weil die seltsame Form respondit (im achtzehnten Jahrhundert!) stutzig macht. Hier wäre entschieden die Angabe der Quelle am Platz.

Was Scarpi mit vielen Worten und mit Ironie und Pathos nicht ganz gelingt, Situation und Funktion des Übersetzers im heutigen Literaturkommerz klarzustellen, das vollbringt hingegen Paul Flora mit seinen vierzehn schlagenden, hinreißenden Illustrationen aufs vollkommenste. In wenigen genialen Strichen klärt er die schwierigsten Probleme. Ein Geniestreich, diese gezeichnete Polemik gegen unbefugte Pfuscher.

Da wandeln beispielsweise sechs Männchen ihres Weges, jeder mit einem dicken Buch unter dem Arm, fünf tragen schwarze Brillen und Armbinden mit den bekannten drei schwarzen Punkten, der sechste hat eine schwarze Binde über einem Auge. „Mehrere blinde sowie ein einäugiger Übersetzer“, steht darunter zu lesen. Eine klatschende Ohrfeige für die Übersetzergilde, und wer seine Sprichwörter intus hat und weiß, daß im Reich der Blinden der Einäugige König ist, braucht keinen weiteren Kommentar.

Ein anderes Bild: links steht mit der Peitsche in der Rechten, die Linke dräuend erhoben, ein wohlgenährter Mann, der Verleger, gar nicht intellektuell, o nein, eher eine Art bajuwarischer Professor Unrat, und ihm gegenüber, ein Häuflein Elend, hockt zutiefst zerknirscht auf einem Stoß Scharteken der Übersetzer, vor sich die Schreibmaschine mit eingespanntem Blatt. Darüber eine Uhr, die fünf vor zwölf zeigt. Die ewige Situation des Übersetzers, auf die wesentlichen Züge reduziert. Für ihn ist es ja immer fünf vor zwölf, er müßte seinen Text schon vorgestern abgeliefert haben. Zeitnot, das immerwährende Übel, knappe Termine, Hetzen, Pressieren, Überstürzen, nur damit der Drucker und der Graphiker und der Illustrator in Ruhe arbeiten können.

Allein um der herrlichen Zeichnungen willen müßte sich jedermann dieses Bändchen erstehen. Was Worte nicht auszudrücken vermögen, resümiert unvergeßlich, prägnant und unerhört witzig die Feder des großen Zeichners Flora.

W. W.