"Quattrocento", der zweite Band der "Pittura Italiana", dieser köstlichen und dementsprechend kostspieligen Buchreihe des Mailänder Verlegers Aldo Martello (deutsche Ausgabe im Bruckmann’ Verlag, München, 204 Seiten, 135,– DM), ist erschienen, ebenso schön und anspruchsvoll ausgestattet wie sein Vorgänger ("Romanik und Gotik"), ein idealer Führer durch dieses überreiche Jahrhundert italienischer Malerei, durch seine Kunstprovinzen. Das Schwierigste ist, wie immer bei solchen Publikationen, aus der Überfülle an Bildern die richtigen auszusuchen. Der italienische Verfasser Roberto Salvini hat sich dafür entschieden, den Kreis der Maler groß zu halten. Die weniger Bedeutenden sind dann allerdings nur mit einem einzigen Bild vertreten, die Wichtigsten mit zwei bis höchstens fünf Bildern.

Das Buch bringt 105 Farbtafeln von 60 Malern. Die Vorteile und Nachteile der Methode liegen auf der Hand. Man findet Bilder und Namen, die man nicht in jedem Quattrocento-Sammelband findet: Bonascia, Boccati, Butinone, Quartararo, Rozzolone. Dafür wird von Malern wie Ghirlandajo oder Pinturicchio auch nur ein Werk gezeigt. Im übrigen verrät die Zusammenstellung der Bilder auch persönlichen Geschmack und die Neigung, den traditionellen Bestand des "imaginären Museums" zu erweitern. Neben den unerläßlichen Standardbildern – dem "Frühling" von Botticelli, dem "Zinsgroschen" von Masaccio, dem "Zug der Heiligen Drei Könige" von Gozzoli, den "Kurtisanen" von Carpaccio – sieht man Entlegenes und wenig Bekanntes. Bei den Malern, denen mehrere Werke zugebilligt sind, ist das erste ein Hauptwerk, das zweite oft Überraschung. Von Paolo Uccello sieht man neben einer seiner drei Reiterschlachten (der aus den Uffizien) das "Hostienwunder", ein Predellen-Detail aus Urbino, Filippo Lippi wird durch die weltberühmte "Madonna mit den Engeln" aus den Uffizien offiziell vorgestellt – eine braungoldene Mönchszene aus dem Kreuzgang von Santa Maria del Carmine zeigt ihn unzeremoniös, menschlich, humorvoll.

Der umfangreiche Text von Salvini gibt eine kunstgeographisch gegliederte Geschichte der Malerei des Quattrocento, viel biographisches Material ist hineingearbeitet, und die Bewertung der einzelnen Maler entspricht ungefähr der heute üblichen Auffassung, etwa in der Hochschätzung von Piero della Francesca und Uccello. Die Ferraresen freilich, Tura und Cossa, werden eher unterschätzt. Botticelli hat ein schönes und enthusiastisches Kapitel für sich. Der Begriff der "Frührenaissance", den man früher für die Quattrocentisten verwendete, ist ausgespart, es wird auch nicht der Versuch gemacht, eine andere Formel für das "Quattrocento" zu finden. Neuer Naturalismus und stufenweise Aneignung der Wirklichkeit ist kein italienisches Spezifikum. Die Florentiner Errungenschaft der "Linearperspektive" wird, in der Einleitung, als ein fundamentales Gestaltungsprinzip angeführt: "Eine Möglichkeit, dem Kosmos eine Ordnung zu geben" Aber vielleicht ist es richtig, auf eine einheitliche Deutung zu verzichten und keine Entwicklung auf ein Ziel hin (die Hochrenaissance, Raffael!) zu konstruieren, sich an die einzelnen Künstler, an ihr individuelles Genie, an ihre Bilder zu halten. Und so darf man dieses gelungene Werk trotz des umfangreichen und zuverlässigen Textes in erster Linie als einen Bildband betrachten und genießen. Gottfried Sello