In den nächsten zehn Jahren werden ebensoviele wissenschaftliche Arbeiten publiziert, wie in den letzten drei Jahrhunderten insgesamt erschienen sind. Diese Prophezeiung, an deren Erfüllung nach den bisherigen Erfahrungen kaum ein Zweifel bestehen dürfte, kennzeichnet die Inflation in der Wissenschaft.

Die Zunahme an Forschern sowie an veröffentlichten Forschungsergebnissen stellt die vieldiskutierte Bevölkerungsexplosion weit in den Schatten. In der Tat verzehnfachen sich sowohl das Volumen der wissenschaftlichen Literatur als auch die Zahl der Wissenschaftler während der Zeit, in der sich die Bevölkerung nur verdoppelt.

Wächst nun auch unser Wissen mit gleicher rapider Geschwindigkeit? Es gibt zwar kein Maß für den Umfang des Wissens; dennoch läßt sich die Frage mit gutem Gewissen verneinen, allein schon deshalb, weil mit dem Anschwellen der Publikationsflut die Wahrscheinlichkeit dafür schrumpft, daß die Arbeiten außer vom Autor noch von jemand anderem gelesen werden. Hinzu kommt, daß die Zahl der wirklich produktiven Forscher viel langsamer wächst als die Gesamtheit der Wissenschaftler.

Nach einer Schätzung, die Professor de Solla Price von der Yale-Universität in diesen Tagen veröffentlicht hat, wird der Anteil der Forscher, die wesentlich Neues zur Naturerkenntnis beitragen, durch die Quadratwurzel aus der Gesamtzahl der Wissenschaftler angegeben. – Wenn also zu einer bestimmten Disziplin sagen wir 160 000 Forscher gehören, dann sind unter ihnen nach dieser These nur 400 produktiv.

Der amerikanische Gelehrte beschäftigt sich seit zehn Jahren mit der Wissenschaft von der Wissenschaft, genauer gesagt, mit der statistischen Behandlung der Trends, die sich etwa seit Newton in der Entwicklung der naturwissenschaftlichen Forschung gezeigt haben.

Eine Statistik muß sich an Äußerlichkeiten halten, an die zahlenmäßig erfaßbaren Daten. Deshalb sind die Arbeiten von Price stets heftig angegriffen worden, und zwar von denen, die jede numerische Behandlung wichtiger Lebensfragen von vornherein für verdächtig halten, und jenen, die es ganz einfach beleidigend finden, daß jemand menschliche Leistungen zu numerieren wagt. Aber es gibt nun einmal keine andere Möglichkeit, eine Entwicklungstendenz zu analysieren oder gar vorauszusagen, als die Kalkulation, und diese ist nur mit meßbaren Parametern durchzuführen.

Das Erregende an Prices Untersuchungen ist die Tatsache, daß seine statistischen Erhebungen über die Entwicklung der Naturwissenschaften mathematische Regelmäßigkeiten zutage gefördert haben, wie man sie weder in der Biologie noch in der Wirtschaftswissenschaft kennt. Das Maß fast jeden Indexes, dessen zeitliche Änderung der Forscher studiert hat – zum Beispiel die Zahl der Fachzeitschriften, der Wissenschaftler, der Publikationen, der Forschungsstätten oder die Höhe der Forschungsmittel – verdoppelt sich alle zehn bis fünfzehn Jahre, und diese Gesetzmäßigkeit ist weder von Kriegen noch von wirtschaftlichen Rückschlägen in irgendeinem Lande gestört worden.