New Delhi, Anfang April

Die indische Öffentlichkeit ist über den verstärkten Aufmarsch der chinesischen Streitkräfte an der Himalaja-Grenze beunruhigt. Auf die Nachrichten über diesen neuerlichen Aufmarsch hat New Delhi um so empfindlicher reagiert, als sich gleichzeitig auch der Ton der chinesischen Noten zum Grenzkonflikt auffallend verschärfte. Die Truppenbewegungen und Protestnoten der Chinesen ließen befürchten, daß Peking eine neue Aggression im Schilde führt – diesmal gegen das indische Protektorat Sikkim sowie im Bereich des bisher relativ ruhigen, von der indischen Hauptstadt nur knappe dreihundert Kilometer entfernten Mittelabschnitts der Himalaja-Grenze.

Zweifellos müssen die Inder seit dem chinesischen Großangriff vom vergangenen Herbst dauernd auf ein Wiederaufleben der Kampfhandlungen gefaßt sein, vor allem in dieser Jahreszeit, die drei Monate lang – nach der Schneeschmelze und vor dem Monsun – vom Wetter unbehinderte militärische Operationen ermöglicht. Aber die meisten politischen Beobachter in Delhi halten es für unwahrscheinlich, daß die Chinesen eine neue größere Offensive riskieren werden, es sei denn, sie wollten mutwillig eine so starke Intervention der Westmächte in Indien provozieren, daß Indien dadurch in einen unüberbrückbaren Gegensatz auch zur Sowjetunion gerät.

Man traut zwar den Chinesen solche skrupellosen Überlegungen durchaus zu, insbesondere dann, wenn ihr eigener Konflikt mit Moskau keine Aussichten auf baldige Entspannung bietet. Zunächst jedoch interpretiert man die chinesischen „Manöver“ im Himalaja doch eher als einen Versuch Pekings, die Inder einzuschüchtern und durch zunehmenden militärischen Druck verhandlungsreif zu machen.

Kritische Beobachter in Delhi halten es auch nicht für unmöglich, daß die indische Regierung mit der alarmierenden Bekanntgabe der chinesischen Truppenverstärkungen ihre eigenen politischen Ziele fördern möchte. Sie rechtfertigen die Fortsetzung des Staatsnotstandes, der die Regierung zu Maßnahmen ermächtigt, die sie sonst nie hätte durchführen können – wie zum Beispiel den gegenwärtig im Parlament debattierten Haushaltsplan, welcher der Gesamtbevölkerung schwere neue Steuerlasten aufbürdet. Die Drohung einer chinesischen Frühjahrsoffensive könnte auch die indischen Verhandlungen mit den Westmächten über westliche Rüstungshilfe beschleunigen, die – möglicherweise als Folge des schleppenden Verlaufs der indisch-pakistanischen Kaschmir-Gespräche – bisher den Erwartungen New Delhis nicht ganz entsprochen haben.

H. W. Berg