Eine amerikanische und eine französische Partei

Es gibt zur Zeit zwei verschiedene Gesellschaftsspiele in der Bundesrepublik. Bei dem einen können alle mitmachen, Erwachsene und Kinder. Es heißt: "Wir suchen einen neuen Kanzler." Bei dem andern treten die Spieler in Fronten gegeneinander an: die eine Gruppe für de Gaulle und gegen Amerika, die andere für Amerika und gegen de Gaulle.

Das zweite Spiel ist gefährlich, weil die Spieler (den Soldaten im Manöver gleich) sich so sehr mit ihren Rollen identifizieren, daß es gewöhnlich nicht lange dauert, bis auf beiden Seiten äußerste Verbitterung herrscht. Gefährlich aber ist dieses Spiel nicht nur für die jeweiligen Teilnehmer, sondern vor allem für den Staat und die Gesellschaft. Denn in einem Lande, dessen Bevölkerung in Katholiken und Protestanten gespalten ist, in Föderalisten und Zentralisten, in Einheimische und Flüchtlinge (die, wenn sie inzwischen auch längst eingegliedert sind, doch als Zugereiste betrachtet werden und sich selbst als solche empfinden), in einem Lande, das geteilt ist und keine Hauptstadt mehr besitzt – in einem solchen Lande ist es einfach lebensgefährlich, wenn sich neben all jenen Spaltungen nun auch noch eine französische und eine amerikanische Partei bilden.

Wie eigentlich ist es zu dieser Situation gekommen? War nicht der Zustand nach einem verlorenen Kriege, zur Abwechslung einmal mit einer der beiden großen Siegermächte alliiert zu sein, außerordentlich befriedigend? Zur Abwechslung – wenn man bedenkt, daß wir uns bisher noch stets mit den Besiegten in einer Koalition befanden. Und war nicht bisher von Berlin bis Bonn das Gefühl, militärisch wie wirtschaftlich allein durch die enge Bindung an die Vereinigten Staaten gesichert zu sein, ganz stark und ganz selbstverständlich?

Es gab Jahre, in denen bei uns alles unterlassen wurde, was "die Amerikaner" hätte ärgern können, und in denen wir ihnen jeden Wunsch von den Augen ablasen. Damals konnte niemand etwas werden, von dem es hieß, er sei persona non grata bei den "Amis". Und das stärkste Argument, mit dem man jede Kontroverse beenden konnte, lautete: "Das würde uns eine ganz schlechte Presse in Amerika einbringen."

Es ist schwer zu sagen, wann genau diese Phase endete. Jedenfalls erst nach Dulles’ Tod im Jahr 1959. Die enge persönliche Freundschaft zwischen Adenauer und Dulles hat wahrscheinlich eine größere Rolle gespielt, als der normale Bürger sich träumen läßt, der gewöhnlich gar nicht auf den Gedanken kommt, daß auch unter Staatsmännern neben Interessen und Machtpositionen Sympathien und Antipathien zählen, daß auch in den scheinbar so objektivierten, kühlen Beziehungen der Politiker untereinander Zuneigung und Bewunderung, Mißtrauen und Aversion sehr bestimmende Faktoren sein können. Ganz sicher spielen heute die positiven Gefühle Konrad Adenauers für Charles de Gaulle und die Übereinstimmung der beiden in vielen Urteilen und manchem Vorurteil wiederum eine verhältnismäßig große Rolle.

Die Sehnsüchtigen sammeln sich