Köln

Alle Bundesbürger mit Fernsehapparat durften zuschauen, als das Zweite Deutsche Fernsehen in Mainz am 1. April um 18.45 Uhr mit seinem regulären Abendprogramm begann – nur die Nordrhein-Westfalen nicht. Für den Bereich ihres Landes hat der Westdeutsche Rundfunk von 18.45 Uhr bis 19.08 Uhr dem Mainzer Fernsehen, kurzerhand die Sendekette entzogen. Für die Bürger zwischen Rhein und Ruhr beginnt deshalb das Zweite Programm allabendlich mit dem Ersten: Sie sehen zwischen 18.45 Uhr und 19.08 Uhr wie eh und je aus Köln die alte Regionalsendung des WDR: „Prisma des Westens“. Sollten sie nach dem Ende der Sendung noch Lust haben, auf diesem Kanal zu verweilen, dann kommen sie gerade zurecht, um den ersten Werbespot im Mainzer Programm zu sehen.

Dieser Schelmenstreich des WDR, kurz „Fensterprogramm“ genannt, wird im Kölner Funkhaus als „rundfunkpolitische Maßnahme“ bezeichnet. Die Mainzer nennen ihn schlichter eine Gemeinheit und eine Gefährdung der wirtschaftlichen Basis des Zweiten Deutschen Fernsehens.

Ganz unverhofft kam die Forderung des WDR nach einem Fenster im zweiten Kanal jedoch nicht. Schon am 15. Dezember des letzten Jahres, kurz nach der Gründung der Mainzer Anstalt durch die Länder, einigte sich die Ministerpräsidentenkonferenz darauf, dem Westdeutschen Rundfunk und dem Bayerischen Rundfunk innerhalb des neuen Zweiten Programms die Zeit von 19.00 Uhr bis 19.30 Uhr zu einer Regionalsendung zur Verfügung zu stellen. Der Ruf nach dem „Fensterprogramm“ verhallte jedoch ohne großes Echo und verlor immer mehr an Dringlichkeit, je länger sich der Beginn des Mainzer Programms verzögerte. Schließlich waren die Mainzer Fernsehplaner der Meinung, das „Fenster“ sei vergessen und planten ihr Abendvorprogramm durchgehend von 18.40 Uhr bis 20.00 Uhr: Der Abend beginnt mit Kurznachrichten. Um 18.45 Uhr fängt eine Unterhaltungssendung an, die sich deutlich vom Ersten Programm abhebt und als „Lokomotive“ für den ersten Werbeblock von 19.10 Uhr bis 19.15 Uhr gedacht war. In ähnlicher Weise wurden auch noch zwei weitere Werbeblöcke bis 20.00 Uhr verpackt.

Beim WDR indessen war das Versprechen der Länderchefs nicht in Vergessenheit geraten. Anfang dieses Jahres wurde der Landesvater Dr. Franz Meyers daran erinnert. Am 21. März – zehn Tage vor Sendebeginn in Mainz – bekräftigten die Ministerpräsidenten der Länder noch einmal ihre Absicht aus dem Jahre 1961 und revidierten den Beschluß nur insofern, als sie für die regionalen Programmfensterchen nunmehr die Zeit zwischen 18.45 Uhr und 19.08 Uhr zur Verfügung stellten Die zwei Minuten bis 19.10 Uhr sollten der Post dazu dienen, die getrennten Brüder auf dem zweiten Kanal wieder gleichzuschalten. Der Bayerische Rundfunk hatte an der neuen Sendezeit kein Interesse mehr und stellte seine regionalen Wünsche zurück. Übrig blieb Landesfürst Meyers und der WDR, der sich „den rundfunkpolitischen Interessen des Landes Nordrhein-Westfalen verpflichtet fühlt“. Ihr Beharren auf dem Fensterprogramm „Prisma des Westens“ ist nicht ohne tiefere Bedeutung: Auf Wunsch von Meyers soll diese Sendung die Wiege für ein geplantes Drittes Programm sein, das die Länder regional ausstrahlen wollen. Das nordrhein-westfälische Fenster auf dem zweiten Kanal ist deshalb auch befristet bis zum Beginn des Dritten Programms, spätestens aber zum 30. September 1963. Bis dahin soll die Bundespost den dritten noch fehlenden Sendekanal aus der Luft holen.

Das „Fensterln“ des WDR brachte die Mainzer in Erregung. Vorerst boten sie dem Kölner Sender die Zeit zwischen 18.00 Uhr und 18.30 Uhr an. Doch der WDR lehnte ab mit der Begründung, das sei zu früh für die Werktätigen zwischen Rhein und Ruhr. Am 28. März erklärte der Fernsehrat des Zweiten Deutschen Fernsehens nach einer außerordentlichen Sitzung die Entscheidung der Ministerpräsidenten zu „einer Empfehlung ohne rechtliche Verbindlichkeit“. Meyers antwortete noch am gleichen Tage mit einer scharfen Gegenerklärung und drohte: „Dem Intendanten des Zweiten Fernsehens ist dieser Sachverhalt seit dem Sommer vorigen Jahres bekannt. Wenn er und die Organe der Mainzer Anstalt sich nicht daran halten, sind sie für die Folgen verantwortlich Welche Folgen eintreten könnten, sagte der Landesvater nicht. Aber das Mainzer Fernsehen hat ohnehin nichts anderes als Folgen zu tragen: Durch das Fensterprogramm wird ihrem ersten Werbespot die Wirkung entzogen.

Die Techniker der Bundespost machten nämlich darauf aufmerksam, daß die Umschaltung der nordrhein-westfälischen Zuschauergemeinde auf dem zweiten Kanal nicht zwei, sondern fünf Minuten dauere. Das hätte bedeutet: Vor dem Mainzer Werbeblock ist auf den Bildschirmen fünf Minuten Schwarzblende. „Das ist tödlich“, sagen die Fachleute. Denn kein Werbespot der Welt ist so interessant, daß man ihm fünf Minuten läng entgegenfiebert. Am vergangenen Montag meinte die Bundespost nun, eine Blitzschaltung von Köln nach Mainz sei nicht ganz unmöglich.