„Kagi“ (Japan; Verleih: Warner): Aus Japan kommt hier ein kinematographisches Kunstprodukt zu uns, das in seiner dekadenten Subtilität wie die Hervorbringung einer müden, übersättigten und ihrer selbst überdrüssigen Gesellschaft anmutet. Ausgerechnet Kon Ichikawa, der Regisseur eines so entlarvenden Kriegsfilms wie „Nobi“, hat diesen auf einem Roman („Der Schlüssel“ von Junichiro Tanizaki) basierenden, extravaganten Streifen verfertigt. Der ältliche und kränkelnde Kunsthistoriker Kenmochi ist mit einer viel jüngeren und attraktiven Frau verheiratet, der gegenüber er allmählich seine männlichen Kräfte erlahmen fühlt. Als Stimulans läßt er sich aufmunternde Spritzen verordnen und verfällt schließlich sogar darauf, den Verlobten seiner Tochter mit der eigenen Frau zu verkuppeln, um aus der Eifersucht neue Erregung zu schöpfen. Ein Herzschlag setzt seinem Treiben ein Ende, und die übriggebliebenen Drei räumt eine vergiftete Salatmahlzeit hinweg. Dies Geschehen wird in scheinbar kühler und doch derart zugespitzter Manier berichtet, daß sich Nuancen grotesker Komik einstellen. Bemerkenswert, mit welch formaler Virtuosität die Regie vorgeht: Sie läßt Handlungen, die als Exposé wirken sollen, plötzlich zum Standbild erstarren und brilliert mit gewagten und schockierenden Überblendungen (deren Symbolwert nur gelegentlich forciert wirkt). Auch die Photographie zeigt Raffinement. Leider entschädigt das nicht für etliche Längen der Handlung. – Lobenswert, daß ein Verleih endlich wieder einmal einen ausländischen Film untertitelt, anstatt ihn zu synchronisieren. Nur sollte mit den Untertiteln nicht derart gespart werden, daß ganze Dialogpassagen dunkel bleiben. grg

„Das Feuerschiffe (Deutschland; Verleih: Columbia): Das Presseheft des Verleihs spricht vom „Sieg des Ordnungsprinzips über die Anarchie“. Das sieht so aus: Der alternde Kapitän eines Feuerschiffes schildert seinem Sohn die Schönheiten der Pflichterfüllung, dieweil der Junge, aus Angst vor der Bombe, jedes Engagement für sinnlos hält. Es folgt eine Belehrung, die aus dem anfänglich noch diskutablen Konflikt bald eine Unterweisung in Untertänigkeit macht. Drei Gangster, als schiffbrüchig aufgenommmen, terrorisieren das Feuerschiff. Sie möchten nach Dänemark. Doch Kapitän Freytag bleibt unbeugsam. Er ändert seine Position auch dann noch nicht, als es den ersten Toten gibt und die Hysterie seiner Mannschaft den Siedepunkt schon überschreitet. Unter den Kugeln der Gangster und in den Armen des Sohnes darf er dann just sterben, als Hilfe kommt. So triumphiert der einsam entschlossene Führer noch im Tode über sein kleingläubiges Volk. Der Sohn, versteht sich, hat diese Lektion begriffen: Mit Führern diskutiert man nicht, Führern folgt man! Was sagte sein Vater doch? „Siehst du, mein Junge. Vor 24 Stunden wußtest du noch nicht, wofür du leben solltest. Und nun weißt du schon, wofür du sterben willst. Das ist wenigstens etwas!“ Der Verfertiger dieser Illustration des Notstandsgesetzes ist Ladislao Vajda. Er hat sich schon öfter, zuletzt mit dem Film „Der Lügner“, um die Verdunkelung des demokratischen Bewußtseins verdient gemacht.

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„Was der Wehrmachtbericht verschwieg“ (Deutschland; Verleih: Constantin): Nach den vielen Zusammenstellungen deutschen Wochenschaumaterials hier eine aus dem Archiv der Pathe News in London, mit englischem, amerikanischem und sowjetischem Material. Das meiste davon konnte man in deutschen Kinos bisher nicht sehen, wenn es auch nie, wie die Reklame behauptet, in „Geheimarchiven“ verschlossen war. Weniges durchbricht indes die Wochenschauperspektiven, Schrecken und Strapazen zeichnen sich .vornehmlich im Gesicht des geschlagenen Feindes. Nur die russischen Aufnahmen zeigen das Sterben der eigenen Soldaten. Die Montage verzichtet auf Vollständigkeit und zeigt einzelne Komplexe ausführlicher, so die Ermüdung meidend, die sich sonst bei solchen Filmen leicht einstellt. Der Kommentar, an dem Walter Görlitz mitarbeitete, bemüht sich um eine „objektive“ Sicht von hoher Warte: Die Kriegsursachen ebenso wie die Nazi-Verbrechen sind ausgespart und die alliierten Politiker – voran Roosevelt – erscheinen als die für die Friedlosigkeit der Welt nach dem Kriege eigentlich Verantwortlichen

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„Blut der Leidenschaft – Lady Macbeth“ (Jugoslawien; Verleih: Aero): Der polnische Regisseur Andrzej Wajda ist in der Bundesrepublik nicht unbekannt. Man sah seine Filme „Der Kanal“ und „Asche und Diamant“, beides sehr polnische und eminent politische Arbeiten. Sein neuester Film ist kein polnischer und kein politischer: Wajda verfilmte die schaurige Novelle „Die Lady Macbeth von Mzensk“ von Nikolai Lesskow. Ein Schweinehirt avanciert zum Geliebten der Gutsherrin, beide zusammen begehen, um diesen Status zu halten, mehrere Morde, werden entdeckt, verurteilt und in die Verbannung geschickt. Auf dem Wege nach Sibirien wendet sich der Schweinehirt einem anderen Mädchen zu. So um den Lohn ihrer Untaten geprellt, ertränkt seine Geliebte die Rivalin und sich selbst. Wajda versagte sich jede Umakzentuierung seiner Vorlage und schuf eine mustergültige Literaturverfilmung. So wenig wie bei Lesskow wird der Klassenunterschied zwischen Hirt und Gutsherrin unter die Lupe genommen, und wie bei Lesskow wird die arme Frau letzten Endes verteidigt. Es geht also weniger um den unterprivilegierten Schweinehirten als um die bürgerliche Öde, die die Frau zu solch unseliger Leidenschaft treibt. Die zwingende Einbeziehung von Landschaft und Dekor schafft Bilder von archaischer Kraft. Die Plumpheit der deutschen Dialoge dürfte aber den Zugang zu diesem Film versperren, man wird ihn als Farce, nicht als Tragödie sehen. uwe