Wir setzen hier die Niederschrift der Unterhaltung mit einem Franzosen fort, die wir geführt haben, um unseren Lesern die Möglichkeit zu geben, den gaullistischen Standpunkt sozusagen aus erster Hand kennenzulernen.

DIE ZEIT: Das Merkwürdige an unserer heutigen Situation ist, daß wir allenthalben 30 bis 50 Prozent unseres Budgets in die Rüstung stecken – nicht etwa, weil wir glauben, daß es morgen Krieg gibt, sondern weil wir in dem Vorfeld zwischen dem Heute und einem möglichen Krieg auf politische Erpressung gewappnet sein müssen. Darum nützt und tröstet es uns gar nicht, daß Sie uns. versichern, de Gaulle werde im Kriegsfalle mit uns allen zusammenhalten. Das Schlimme ist, daß er in der Zeit des Friedens, die ja nichts anderes als der kalte Krieg ist, eben nicht mit allen zusammenhält. Das politische Potential seiner Atomwaffen nützt der Gemeinschaft nichts. Es schadet ihr nur, weil es sie spaltet.

Der Franzose: Ich kann nicht verstehen, warum man denselben Vorwurf der britischen Atomwaffe nie gemacht hat. Übrigens, wenn man gewisse Erklärungen von Herrn McNamara liest, kann man sich fragen, ob die amerikanische Atomwaffe wirklich in jedem Fall im Interesse der Gemeinschaft eingesetzt würde.

DIE ZEIT: So einfach dürfen Sie es sich nicht machen. Was die Engländer angeht, so stimmt es, daß ihr Atom-Ehrgeiz noch älter ist als der französische, aber im Unterschied zu de Gaulle benutzen sie ihr nukleares Potential nicht als Waffe gegen die Verbündeten, als Instrument der Obstruktion; sie wirken sehr eng und ohne Ressentiment mit den Amerikanern zusammen. Die Briten haben sich ausdrücklich für die Integration erklärt; de Gaulle ist gegen die Integration. Wenn Sie ferner McNamaras strategische Theorien für fragwürdig halten, so wäre es besser, de Gaulle arbeitete innerhalb der NATO loyal mir, um sie zu ändern, als Trotzkopf zu spielen und so das ganze Bündnis lahmzulegen.

Im übrigen haben wir mehr Vertrauen zur Entschlußkraft und zum richtigen Urteil des amerikanischen Präsidenten als zu der Ihres Präsidenten. In allen Äußerungen de Gaulles kommt viel zu oft das Wort Nation vor – wenn er etwa sagt: „Was die Verteidigung anbetrifft, so will Frankreich, daß sie nationalen Charakters sein sollte, insbesondere hinsichtlich der Kernwaffen. Andernfalls wären wir nicht länger, eine europäische Macht, eine souveräne Nation, sondern lediglich ein integrierter Satellit.“ Wir Deutschen – vielleicht auch wieder auf Grund unserer historischen Erfahrungen – wissen, daß unsere Verteidigung nicht mehr nationalen Charakters sein kann, daß es für uns keine andere Rolle gibt als die eines integrierten Partners. De Gaulle jedoch weigert sich, eine solche Partnerschaft herzustellen. Und was er an die Stelle der amerikanischen Abschreckungsmacht setzen will, ist wenig imponierend.

Der Franzose: Es trifft überhaupt nicht zu, daß de Gaulle die französische force de frappe an die Stelle der amerikanischen Abschreckungsmacht setzen will. Davon kann keine Rede sein.

DIE ZEIT: Wenn wir vom Pragmatischen ausgehen, stellt sich das Problem für uns doch so: Welches ist die vernünftigste Arbeitsteilung, die wir im Westen haben können?