Robert, Neumann: „Auf den Spuren Wolfgang Harichs“, ZEIT Nr. 9 und Francois Bondy: „Doch protestieren!’’, ZEIT Nr. 11; Leserbrief Robert Neumanns, ZEIT Nr. 13 –

Die Frage, ob man sich öffentlich oder im stillen für einen politischen Gefangenen einsetzen sollte, scheint mir in der Art, wie sie in der Diskussion zwischen Robert Neumann und François Bondy gestellt wird, ziemlich akademisch. Nach meinen Erfahrungen ist es eigentlich immer nützlich, wenn nicht öffentliche Bemühungen um die Freilassung eines politischen Gefangenen durch Aktionen in der Öffentlichkeit unterstützt werden. Die Regierungen aller Länder hören einem privaten Unterhändler besser zu, wenn Veröffentlichungen über einen ihrer Gefangenen ihr Prestige im Ausland belasten. Das spricht natürlich nicht dagegen, daß zunächst ohne öffentliches Aufsehen interveniert wird, und wenn der Unterhändler im Namen einer Gruppe angesehener Leute aus vielen Ländern sprechen kann, so ist seine Position besonders dann günstig, wenn die Regierung, mit der er spricht, sich darüber im klaren ist, daß dieser Intervention eine Veröffentlichung folgen kann.

Ich beziehe mich dabei auf Erfahrungen der Vereinigung „Amnesty International“, deren deutsche Sektion „Amnestie-Appell“ wir gerade ins Leben zu rufen versuchen. „Amnesty International“ hat in vielen Universitätsstädten Westeuropas Gruppen, die jeweils drei Gefangene – einen aus der westlichen, einen aus der östlichen Welt und einen aus den Entwicklungsländern

adoptieren, wobei sie nicht zuletzt dafür sorgen, daß möglichst viel über das Schicksal dieser Gefangenen veröffentlicht wird. Außerdem reisen Unterhändler regelmäßig in verschiedene Länder, um in Gesprächen mit Regierungsvertretern für die Freilassung einzelner Häftlinge oder ganzer Gruppen zu intervenieren. Dabei hat sich bewährt, etwa ein bekanntes Mitglied der englischen Weltfriedensbewegung zur Intervention in einem Ostblockstaat oder einen führenden irischen Katholiken als Beobachter zu einem spanischen Prozeß zu entsenden.

Aller Erfahrung nach erwies es sich jedoch stets als nützlich, solchen Bemühungen durch Veröffentlichungen Nachdruck zu verleihen. Denn die meisten Regierungen vergessen ihre politischen Gefangenen leicht, wenn sie sie erst einmal eingesperrt haben, aber alle Regierungen sind auch empfindlich, wenn sie in einem Lande, das ihnen wichtig ist, eine schlechte Presse haben.

Gerd Ruge, Köln