Die Franzosen, so weiß man es in unserem Land, sind ein höfliches Volk. Und der Reisende, der in den Cafés im Quartier Latin seinen Espresso bestellt, klagt zwar über die Trinkgelder, die er zahlen muß, rühmt aber in hohen Worten; die Politesse unseres gallischen Nachbarn. Von den Italienern hört man ja auch Wunderdinge, was höfliche und zuvorkommende Wesensart betrifft, und auch der Reisende aus London weiß von fast höfischen Manieren der Engländer, sei es im Lift oder im Hydepark, zu berichten.

Und die Deutschen? Also, wenn man den Gruß als ältestes und erstes Zeichen höflichen Benehmens; wertet: Guten Morgen, Mahlzeit, Guten Tag, Guten Abend; zigmal am Tag kommt es über unsere Lippen, genauer: es kam – denn wer es heute bei diesen simplen Worten bewenden läßt, setzt sich dem Vorwurf aus, es an der rechten Art fehlen zu lassen.

Einen „Schönen guten Morgen“ hallt es morgens durch die Büroräume. Mit: „Aufwiedersehen, ’n netten Abend noch“, so hat man auseinanderzugehen. Und freitags ist das Vokabular zu erweitern auf: „Ein schönes Wochenende“ oder „Fröhlichen Sonntag“ oder „Nettes Weekend“ wünsche ich Ihnen. Wer sich sonntags sieht, muß für den Rest des Tages ebenfalls noch herzliche Wünsche aussprechen: „Gemütlichen Nachmittag.“ Mir wünschte neulich einer ziemlich ernst eine „Wunderschöne gute Nacht“ auf offener Straße.

Und wenn man sich montags trifft? Da muß erst eine kleine Berliner Studentin kommen und uns zeigen, was wahre Herzenshöflichkeit ist. „Guten Morgen, Herr Professor, einen schönen Wochenbeginn.“ Der Professor blieb stumm, aber in einem neuen Knigge sollte es verzeichnet werden.

Ich muß schon sagen: Wir sind wirklich ein höflichstes Volk. HvK