Von Maitha Maria Gehrke

Die zierliche alte Dame, die ich bei römischen Bekannten kennengelernt hatte, sah auf die Uhr. „Schade“, sagte sie, „ich muß weg. Das Kloster macht um acht zu.“

Ich sah sie verdutzt an. Ich wohnte nämlich auch in einem Kloster, aber dort gab es keine Sperrstunde, sondern einen Nachtportier. Nur einer Beschränkung hatten sich die Gäste zu fügen: Die Bar – nüchtern eingerichtet, doch mit einem gelernten Mixer besetzt und mit den üblichen Drinks ausgerüstet – wurde um zehn Uhr abends geschlossen. Die alte Dame lebte im Vergleich zu mir ziemlich klösterlich, mit einem kleinen elektrischen Ofen als einziger, Wärmequelle (und mit der Sperrstunde). Aber es sei billig, sagte sie, und sie nähme alles auf sich, nur um einmal wieder in Rom sein zu können.

In meinem Zimmer hingegen standen Telephon und Schreibtisch, es gab eine völlig ausreichende Zentralheizung, ich durfte Bäder und Duschen kostenlos benutzen und bezahlte dafür, im Herzen Roms, einen Preis, der kaum die Hälfte dessen betrug, was die Hotels der Dolce-vita-Gegend forderten. Das Personal besteht aus „Zivilisten“. Für das „Geistliche“ sorgt ein junger deutscher Pater, der sich sehr um seine Gäste kümmert – ohne nach Nation oder gar Konfession zu fragen.

Dieses Hotel ist freilich nur noch deshalb Klosterhotel zu nennen, weil es Eigentum eines Ordens ist und dessen Oberaufsicht unterteilt ist. Es wird nicht mehr von geistlichen Brüdern oder Schwestern betrieben, und auch die ihm angegliederte Kapelle ist nicht mit einem Kloster verbunden, wie es bei vielen Hotels dieser Art noch der Fall ist.

Diese heute sehr beliebte Kombination von Kloster und Herberge knüpft an eine über ein Jahrtausend alte katholische Tradition an; schon der heilige St. Benedikt nahm Pilger und andere Gäste bei sich auf, die er – ob arm oder reich – ohne Unterschied beherbergte und bewirtete – ein guter Brauch, der sich jedoch nicht lange hielt. Zwar bestimmte Papst Gregor II. im Jahre 716 ein Viertel aller Kircheneinkünfte zur Beherbergung von Armen und Pilgern, das aber verhinderte nicht, daß man bald getrennte Gebäude für berittene und Fußreisende – samt Sondertrakten für die Bediensteten – baute. Ein Kuriosum war ein Kloster des 12. Jahrhunderts in Cluny, das zwar genau wie alle anderen nur Gemeinschaftsschlafsäle – getrennt nach Geschlechtern – besaß, jedoch ebenso viele Toiletten wie Betten, ein Komfort, den die Hotellerie von heute sich nicht mehr leisten kann.

Die klösterlichen „Elendsherbergen“ – Elend ist lediglich die althochdeutsche Bezeichnung für „Fremde“ – gingen schon vor rund fünfhundert Jahren ein; zwar hielten sich die sogenannten Alpenhospize bis in die Neuzeit, doch verloren sie an Bedeutung, je mehr Paßstraßenbau und Automobilismus zunahmen. Heute erlebt die „Klosterherberge“ nun eine kleine Renaissance.