Von Dieier E. Zimmer

Der Himmel war von Schnee noch wund, ich kam auf die Welt, es regnete still in der dritten Nacht April.

Er ist seit langem krank; die Zeitschrift, die er fünfzehn Jahre lang mit Beharrlichkeit und Eigensinn geleitet hat, ist ihm genommen, und wenn sie, was fraglich bleibt, in anderer Regie doch noch weitererscheinen sollte, wird sie seine Absichten geflissentlich verleugnen müssen; denen, die in seinem Teil Deutschlands die Macht besitzen, ist er als „Wanderer zwischen den Welten“ verdächtig, und er muß es sich gefallen lassen, von energischen Dummköpfen abgekanzelt zu werden; im anderen Teil Deutschlands schwankt man zwischen Mißtrauen und einem etwas zu lauten Bedauern – das eine gilt dem Mann, der einem gefürchteten Regime jahrelang erlaubte, mit seinem Namen zu renommieren, das andere dem, der in Ungnade fiel; gesamtdeutsch ist nur der Umstand, daß man ihn als politische Figur zur Kenntnis nimmt, beschimpft oder ausnutzt, nicht aber als den, der er vor allem anderen ist – als Dichter.

Ein Freudenfest ist dieser sechzigste Geburtstag für Peter Huchel nicht. Er ist heute ein sehr einsamer Mann.

Er hat wenig geschrieben. Ein knappes Hundert Gedichte in vierzig Jahren, mehr jedenfalls gab er nicht aus der Hand, zwei oder drei im Jahr. Wer seine Gedichte kaufen möchte, fragt umsonst. Ein erster Band („Der Knabenteich“) war 1932 fertig, wurde von ihm jedoch kurz vor der Auslieferung zurückgezogen, als die Nationalsozialisten zur Macht kamen. Der eine Auswahlband, der 1948 im Ostberliner Aufbau-Verlag erschien, wurde kein zweites Mal aufgelegt, und auch seine westdeutsche Ausgabe, die der Stahlberg-Verlag 1950 herausbrachte, ist seit vielen Jahren vergriffen. Danach waren ihm die Zeiten nie wieder günstig genug. Wer den Lyriker Huchel kennenlernen will, ist auf Anthologien angewiesen, oder, er müßte schon die fünfzehn Jahrgänge von Sinn und Form durchsuchen.

Die Literaturgeschichten führen ihn als Natur- oder Heimatlyriker, ein Attribut, das den frühen, in den zwanziger und dreißiger Jahren entstandenen Gedichten gerecht werden mag, keinesfalls aber dem, was er seit Ende des Krieges geschrieben hat.

Ein Naturlyriker? Huchel war niemals der schmucke Städter, der in grünen Gefilden lustwandelt und in der Botanisiertrommel als Beute seltene, schlanke Dichtgebilde nach Hause trägt. Er hat die Natur nicht romantisierend verklärt oder zur Dekoration gehobener Stimmungen mißbraucht. Schon gar nicht hat er sie zur Scholle umgedichtet, aus der die blutigen Helden wichsen. Das Wort „Natur“ ist in seinen Versen unvorstellbar, und das nicht nur, weil er der Sprache gegenüber ein Mann von skrupulöser Genauigkeit ist, der jedes Wort wägt und wieder wagt, sondern weil das, was die Menschen der Städte Natur zu nennen pflegen, ihm, der auf dem Bauernhof seines Großvaters in Alt-Langerwisch im Süden von Potsdam aufwuchs (seit fünfzehn Jahren lebt er wieder in dieser Gegend, in Wilhelmshorst), von Anfang an das Vertraute und Selbstverständliche war. Er mußte die Natur nicht erst als „Ereignis“ begreifen, wie Wilhelm Lehmann, dem er viel verdankt, es formulierte; sie war es ihm von seiner Kindheit her.