Das „bißchen Wirklichkeit wird weniger und weniger“, seufzt der Poet – und darum nimmt er die Mühsal auf sich, in dieser schmalen, zerstörten und sich selbst zerstörenden Wirklichkeit sich einzurichten, sie mit dem Kitt der Wörter beständiger zu machen für die Stürme, die er erwartet, für die Selbstaufgabe, die er kennt. Doch er ist auch Maler, und seine Augen schweifen unruhig und zärtlich und bitter über die Reste der sich vor ihm auf verwüstetem Terrain drängenden Realität, sie beginnen einzusammeln, was da ist und was der unverzagten Liebe bedarf. Seine malerischen und lyrischen Notizen werden jetzt dem deutschen Publikum dargeboten (die Kölner Galerie „Der Spiegel“ hatte schon vor einiger Zeit auf ihn aufmerksam gemacht) – Lucebert, in Amsterdam geboren, ist 38 Jahre alt; er hat sieben Gedichtbände veröffentlicht und seine Bilder in vielen Ländern Europas ausgestellt; er hat, mit Freunden, Gruppen gegründet, darunter „Reflex“ und „Cobra“, die kräftigen Einfluß auf die Bestrebungen der zeitgenössischen Malerei hatten. Seine Lyrik wurde in Taschenbüchern gesammelt und erreichte in Holland hohe Auflagen, wozu zu sagen wäre, daß in den Niederlanden solche Gepflogenheiten nicht ungewöhnlich sind: Auch der Lyriker Gerrit Achterberg hat beispielsweise mit seinen Taschenbüchern eine breite Leserschaft.

Bei Lucebert verdrängt nicht der Maler den Dichter oder der Dichter den Maler; was der Maler an Gelände, an Gestalten gewinnt, nützt der Poet aus. Was in die Gedichte an Vision strömt, macht sich der Maler zu eigen.

Der Lyriker Lucebert (Ludwig Kunz hat diese Auswahl übertragen, sich getreu an die Originale haltend) schichtet Bilder aufeinander, er addiert sie zu Satztürmen, in denen sich manchmal ein verrückter Erzähler einnistet, der von den Erlebnissen und Eroberungen des „Großen Windes“ berichtet, von den tollen Handlungen irgendwelcher Nonnen (die Schweine jagen) und von seiner Hoffnung auf den kleinen „Iwosyg“, der in seinem frisch gewaschenen Dudelsack träumt. Oft verstummt scheinbar die erzählende Stimme, und es genügt, daß Satz auf Satz gehäuft wird, Sätze, die gedrungen sind und vollgepropft von Anschaulichkeit:

Es ist ein schöner roter Faden zerrissen am Morgen

Es ist im nassen Grund ein Kind das zwischen Wut und Biß schläft

Es ist eine Frau bei Freunden über Nacht geblieben

Es ist ein Rasierschemel im Himmel aufgenommen