Von Wolfgang Leonhard

Wieder einmal steht die Sowjetunion im Zeidien einer großen Kampagne. Diesmal aber geht es nicht um Produktionssteigerungen, sondern um eine Auseinandersetzung zwischen dem Parteiapparat und jenen Schriftstellern und Künstlern, die in den letzten Monaten in ihren Werken „zu weit“ gegangen sind. Ideologische Festigkeit und Unterordnung der Schriftsteller und Künstler unter die Interessen des Sowjetstaates und der Kommunistischen Partei stehen im Vordergrund. „Für einen hohen Ideengehalt der Sowjetliteratur“, „Ehrt und besingt den Heroismus, erzieht zum Heldentum“, „Der sozialistische Realismus, die kämpferische Methode der fortschrittlichen Kunst“ – so lauten jetzt die Schlagzeilen der sowjetischen Zeitungen.

Es kann heute kaum ein Zweifel mehr bestehen, daß die große Rede Chruschtschows auf dem Treffen der Parteiführung mit den Schriftstellern und Künstlern am 8. März nicht Höhepunkt und Ende, sondern vielmehr den Beginn der jetzigen Kampagne darstellte.

Chruschtschow hatte in seinem Referat zunächst die allgemeine „Generallinie“ der Partei bekanntgegeben: die Schriftsteller und Künstler sollten nicht nur die negativen, sondern auch die positiven Seiten der Stalin-Ära darstellen; sie müßten einen entschlossenen Kampf gegen „Formalismus“ und „Abstraktionismus“ führen; in Fragen der Kunst und Literatur könne es keine friedliche Koexistenz, kein Nebeneinanderbestehen verschiedener Kunstrichtungen geben; der „sozialistische Realismus“ sei nach wie vor verpflichtend; alles Gerede über die absolute Freiheit der Persönlichkeit und das freie künstlerische Schaffen sei zu bekämpfen; Kunst und Literatur stünden nach wie vor unter der Kontrolle der Partei, und die Parteiführung habe das Recht und die Pflicht, von allen Schriftstellern und Künstlern die strikte Einhaltung der Parteilinie zu verlangen – das waren die Hauptforderungen des sowjetischen Parteiführers.

Ilja Ehrenburgs Memoiren und Alexander Nekrassows Reisebericht „Auf beiden Seiten des Ozeans“ wurden vom sowjetischen Parteiführer besonders scharf kritisiert, während die jüngeren Dichter Robert Roshdestwenskij, Andrej Wosnessenskij und Jewgenij Jewtuschenko noch relativ glimpflich davonkamen.

Jewtuschenko wurde von Chruschtschow damals weniger als Abweichler, sondern mehr als ein „Verirrter“ kritisiert, als ein junger Dichter, der vieles in der Politik der sowjetischen KP noch nicht verstanden habe, Schwankungen unterliege, in Kunstfragen labile Ansichten vertrete und in einigen im Ausland gegebenen Interviews etwas über die Stränge geschlagen habe. Mit der gleichzeitigen Aufforderung an Jewtuschenko, er möge seine Fehler eingestehen und dies sei für einen jungen Dichter keine Schande, hatte Chruschtschow ihm offensichtlich eine Brücke gebaut.

Seit dieser Chruschtschow-Rede vom 8. März ist nicht nur die Kampagne in ihrer Tonart bedeutend verschärft, sondern auch der kritisierte Personenkreis beträchtlich erweitert worden.