Von Uwe Nettelbeck

Nicht gerade selten geben einem die bundesdeutschen Filmverleihpraktiken und die Ignoranz der Filmtheaterbesitzer Anlaß zum Verdruß, doch diesmal ist der Ärger so groß, daß er nicht hinuntergeschluckt werden soll. Einer der schönsten und besten Filme der letzten Monate lief in Hamburg nur genau eine Woche in einem Kino, in das sich ein sogenannter ernsthafter Mensch allenfalls verirrt; dann wurde er in die Vorstädte, aufs Land abgeschoben, aber nur, um auch dort alsbald zu verschwinden. Kaum jemand, der ihn gesehen hatte, nirgendwo ein nennenswerter Erfolg. In anderen Städten war es nicht anders, kein Studiotheater hat ihn gezeigt. Die Rede ist von Sam Peckinpahs zweitem Film, der bei uns – gelobt seien Phantasie und Übersetzungskunst der Verleiher! – den nichts oder allessagenden Titel "Sacramento" verpaßt bekam, in Wirklichkeit aber schöner und beziehungsreich "Guns in the Afternoon" heißt.

"Sacramento" ist einer der gern mißachteten Western, und es ist ein einigermaßen delikates und notwendig apologetisches Unterfangen, ihn zu loben: Sein Gegenstand läßt ihn ins Hintertreffen geraten, selbst dann noch, wenn sein künstlerischer Rang manch ambitionierten Problemfilm haushoch aussticht. Aber sei’s drum. Der Film spielt in den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts, noch wird in Kalifornien nach Gold geschürft. Seine Helden sind alt, kurzsichtig der eine, eine kümmerliche Jahrmarktsattraktion der andere, beide ehemals berühmte Scharfschützen. Nichts ist ihnen von ihrem Ruhm geblieben, nur ein paar gemeinsame Erinnerungen. Ein Wort, ein Name genügen, und ohne daß der Zuschauer eingeweiht wird, brechen sie in plötzliches Gelächter aus oder versinken in Nachsinnen. Steve Judd will für eine Bank Gold aus einem Goldgräbercamp in den Bergen holen. Er tut es, für lumpige zwanzig Dollar am Tag: Der gefährliche, aber ordentliche Job soll ihm seine Selbstachtung wiedergeben. Gil Westrum, sein Freund, hat es auf das Gold abgesehen und versucht, Judd herumzukriegen, mit ihm durchzubrennen. Er scheitert an der unbeugsamen Geradheit des alten Mannes, und auch Hinterlist bringt ihn nicht zum Ziel: Steve bleibt wachsam und behält die Oberhand.

Fünf Goldgräberbrüder, allesamt unbeschreibliche Gesellen, verdreckt und verroht, sind hinter ihnen her. Mit Grund, denn die beiden Alten werden von einem Mädchen begleitet, das ihrem Vater davongelaufen war und einen der Brüder geheiratet hatte, ohne zu ahnen, daß sich auch die andern vier von dieser Ehe ihren Spaß versprechen. Die Hochzeit im Bordell des Camps, das auch als Gemeindehaus fungiert, ist Mitte und Höhepunkt des Films: Hämisch wird das bürgerliche Zeremoniell ausgemalt, die Brüder sind gewaschen und geputzt, aber der erwartete Schrecken bleibt nicht aus, das von vornherein desperate Unternehmen endet in einer Orgie von brutaler Gewalt und Notzuchtsdrohung.

Die Brüder wollen sich ihre leckre Beute nicht abjagen lassen; sie erschießen den Vater des Mädchens und legen sich auf dessen Farm in den Hinterhalt. Eine der gelungensten Sequenzen des Films deutet ihn an: Hühner in Großaufnahme zeigt die erste Einstellung, ihr aufgeregtes Gackern wird ins Unerträgliche zerdehnt, blitzschnell ist das zerschossene Gesicht des Puritaners eingeschnitten, wieder die Hühner und eine Dohle dazwischen. Krächzend fliegt sie auf, Schnitt, sie landet auf der Schulter eines der Goldgräber, die lauernden Gesichter der andern dann schnell nacheinander zusammen montiert. Dann wieder die Hühner: wütende Schüsse treiben sie auseinander. Die fünf und Judd überleben das anschließende Gemetzel nicht, aber Gil wird das Gold in die Stadt bringen.

Nicht die ungewöhnliche Handlung hebt diesen Film weit über sein Genre, sondern seine dramaturgische Raffinesse, seine kunstvoll verschlungenen Bezüge, die musterhafte Verwendung von Dialog und Geräusch, seine echte Melancholie. Die heroischen Zeiten, die Zeiten der unbändigen Freiheit sind vorbei, die Silhouetten der Reiter gegen den tiefblauen Himmel, die herbstlichen Farben des Indian Summer sagen es. Ein Film fast ohne Worte. Scheinbare Nebensächlichkeiten sind genauestens, mit epischer Geduld ausgemalt, halten die Handlung an und steigern die Spannung. Wo sah man je ein solches Goldgräberlager, eine schauderhafte Angelegenheit aus Schmutz und Laster, wo eine in ihrer Kargheit so meisterhafte Exposition der Figuren? Als Judd ins Wildweststädtchen reitet, quieken schon die ersten Autos an ihm vorbei und vertreiben ihn von der Straße. Mit abstoßend-lüsternem Gelächter werden die Brüder, mit Bibelsprüchen wird der Puritaner eingeführt, beidesmal Zeichen für Charakter. Und schließlich: die kompromißlose Härte, mit der der Tod durch die Kugel geschildert wird, ist von einer Aufrichtigkeit, wie man sie bisher im Film nur selten sah. Dies sind einige, nicht alle Qualitäten von "Guns in the Afternoon", sie reichen hin, um zu erweisen, daß ein Regisseur wie Peckinpah nicht allein für Wildwest- und Bumsfilmkonsumenten reserviert werden sollte.

Noch ist der Film im Verleih, nur wahrscheinlich nicht mehr lange; aber keinen Cineasten, der "Sacramento" versäumte, trifft ein Vorwurf, er trifft allein den Verleih; denn von einem Vorstadtkino kann man nicht erwarten, daß es seine Filme ausführlich inseriert. Der Titel kommt in die Zeitung, und allenfalls etwas wie "Ein-neuer-Super-Western", nicht der Regisseur, geschweige denn etwa ausländische Presseurteile. Die aber gab es: In New York, London und Paris wurde "Sacramento" von der Kritik enthusiastisch gefeiert und lief monatelang in den großen Kinos.