Für eine große Anzahl von Privatschulen, insbesondere aus dem berufsbildenden Sektor, sind, anders als bei den Ersatzschulen, im öffentlichen Schulwesen keine vergleichbaren Einrichtungen vorhanden. Als sogenannte „Ergänzungsschulen“ ergänzen und bereichern sie das Gesamtschulwesen und Bildungsangebot. Der anhaltend starke Besuch dieser Wahlschulen und die rege Nachfrage der Wirtschaft nach ihren Absolventen zeigt klarer als theoretische Erörterungen, daß ein echtes Bedürfnis nach diesen Bildungseinrichtungen vorhanden ist. Wer würde wohl, ohne durch die Schulpflicht dazu gezwungen zu sein, Unterrichtsgeld und kostbare Zeit opfern, wenn er sich nicht wesentlichen persönlichen Gewinn von ihrem Besuch verspräche? Und wie sollten Schulen dieser Art, denen keinerlei staatliche finanzielle Unterstützung zuteil wird, bestehen und mit sich immer wieder erneuerndem Zuspruch rechnen können, wenn nicht Jahr für Jahr der Erfolg ihrer Absolventen dokumentieren würde, daß hier bei fleißiger Arbeit eine solide Grundlage für die anschließende berufliche Betätigung gelegt wird? Es wäre deshalb grundfalsch, daraus, daß der Staat entsprechende Schulen nicht oder noch nicht betreibt, zu folgern, daß die Ergänzungsschulen minderen Wertes oder minderer Bedeutung sind. Wie abwegig ein solcher Schluß wäre, ergibt sich schon aus dem wenig befriedigenden, aber durch die Kulturhoheit der Länder bedingten Umstand, daß völlig gleiche Privatschulen in einem Land der Bundesrepublik Ersatzschulen sind, dort nämlich, wo auch das betreffende Land entsprechende öffentliche Schulen betreibt, in einem anderen Lande dagegen, wo dies nicht der Fall ist, als Ergänzungsschulen geführt werden. Ihre organisatorische Zuordnung zu den Ersatz- oder Ergänzungsschulen berührt also in keiner Weise ihren Rang und Wert.

Der breite Fächer der Ergänzungsschulen erstreckt sich über alle Berufe, deren Grundlagen einer schulischen Vermittlung besonders zugänglich sind bzw. in vielen Fällen wegen ihres theoretisch-wissenschaftlichen Gehalts nur durch planmäßige Unterweisung an einer speziell hierfür errichteten Schule vermittelt werden. Der nachfolgende Blick auf einige Glieder dieses bunten und reichhaltigen Palette mag exemplarisch das Bildungsangebot der privaten berufsbildenden Ergänzungsschulen erläutern.

Aus dem Gebiet der naturwissenschaftlich-technischen Fachschulen und Berufsfachschulen seien die Chemieschulen angeführt, die aufbauend auf der an der Realschule oder dem Gymnasium erlangten Mittleren Reife oder der ihr gleichwertigen über den zweiten Bildungsweg erworbenen Fachschulreife in zweijährigen Lehrgängen eine Ausbildung zum Chemotechniker, oder zur chem.-technischen Assistentin vermitteln. Ein anspruchsvoller theoretischer Unterricht findet in einer umfangreichen Laborarbeit die notwendige praktische Ergänzung. Hier wird der Studierende in den Verfahren zur qualitativen und quantitativen Stoffanalyse angeleitet und in dem Gebrauch der hierbei benötigten Apparaturen und Meßgeräte unterwiesen. Im Laufe des Studiums wird er zunehmend zu selbständiger und selbstverantwortlicher Arbeit geführt, die er dann in der Abschlußprüfung, die unter staatlichem Vorsitz abgenommen wird, nachzuweisen hat. Für die Ausbildung sind in freier Vereinbarung zwischen der Ständigen Konferenz der Kultusminister, der Forschung, den Staatsschulen, den Privatschulen, der Industrie und den Gewerkschaften verbindliche Mindestlehrpläne vereinbart worden. Der einzelnen Schule bleibt es dann überlassen, über diese Mindestlehrpläne hinaus Ausbildungsschwerpunkte zu bilden, die dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt und den besonderen Bedürfnissen der Industrie aus dem Einzugsgebiet der Schule Rechnung tragen.

Die im Rahmen des Privatschulwesens bestehenden Sprachschulen kommen dem mit der Verwirklichung des Gemeinsamen Marktes einhergehenden steigenden Bedarf der Wirtschaft an fremdsprachlichen Korrespondenten und Dolmetschern entgegen. Für sprachlich gut veranlagte Interessenten mit Mittlerer Reife oder dem Abitur bieten sich hier gute Möglichkeiten, sich auf den aussichtsreichen Beruf des Wirtschaftskorrespondenten und, auf diesen aufbauend, des Wirtschaftsdolmetschers vorzubereiten. Die Ausbildung zum Wirtschaftskorrespondenten vollzieht sich in der Regel in dreisemestrigen Tageslehrgängen. Sie umfaßt neben der selbstverständlich im Mittelpunkt stehenden allgemeinen Ausbildung in der gewählten Sprache als besonderen Fachunterricht: Geschäftsbriefe und Übersetzungen wirtschaftlichen Inhalts, Wirtschaftsgeographie, Stenographie und Maschineschreiben – deutsch und fremdsprachlich.

Nach diesen Beispielen gehobener Ausbildung sei schließlich noch der verbreiterten Ergänzungsschule gedacht, der einjährigen Handelsschule, für deren Besuch keine gehobene Allgemeinbildung verlangt wird. Es genügt vielmehr die absolvierte Volksschulpflicht. Die einzige Berechtigung, die sie verleiht, ist das Ruhen der Berufsschulpflicht während ihres Besuchs. Wein sie sich dennoch einer so großen Wertschätzung erfreut, so hat dies gute Gründe. Die Eltern, die ihre volksschulentlassenen Kinder dieser Schule zuführen, schenken ihnen damit ein Jahr der ruhigen Vorbereitung auf die Berufswelt und ihre Anforderungen in der behüteten Atmospnäre einer Schule, die ihre besonderen Interessen anspricht. Sie wissen, daß sie dort in die kaufmännischen Grundkenntnisse eingeführt werden, die für die Bürotätigkeit so wichtigen Schreibfächer Kurzschrift und Maschineschreiben erlernen und daß der Sicherung, der Vertiefung und dem Ausbau der oft noch lückenhaften Elementarkenntnisse besondere Beachtung geschenkt wird. Der „Verlust“ eines Jahres wird von ihnen in dem Bewußtsein gern in Kauf genommen, daß er durch den wohlvorbereiteten Übergang in die Berufspraxis, durch die erlangte größere Reife und durch bessere Fortkommensaussichten reichlich aufgewogen ist.

Im vorstehenden Überblick über das deutsche Privatschulwesen war nur von Privat schulen die Rede, worunter Bildungseinrichtungen von mindestens einjähriger Dauer im Ganztagsunterricht zu verstehen sind. Er darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, daß vielen Privatschulen Einrichtungen kürzerer Dauer, insbesondere Abendkurse angeschlossen sind, in denen bereits im Beruf stehende Jugendliche und Erwachsene vielseitig Gelegenheit finden, sich für neue und höhere Aufgaben in ihrem Beruf weiterzubilden.

Die deutsche Privatschile blickt mit Vertrauen in die Zukunft. Sie weiß, daß das Fundament ihrer Zukunft weiterhin ihre Leistung ist.