Von Theo Sommer

Eton College, neun Uhr in der Frühe. Der Innenhof der berühmtesten Privatschule der Welt ist wie ausgestorben; das umgitterte Denkmal Heinrichs VI., der die Anstalt im Jahre 1440 für arme Scholaren gegründet hat, thront verlassen über den schiefgetretenen Pflastersteinen. Mit flatternden Frackschößen sind eben die letzten Zöglinge in der gotischen Käthedrale verschwunden, und mit flatterndem Talar taucht nun, am fernen Ende des Hofes, der Headmaster aus dem Kreuzgang auf, in gemessener Eile dem Kirchenportal zustrebend.

Seine riesenhafte Gestalt ist leicht vornübergeneigt, er rudert mit den Armen, als kämpfe er gegen starken Wind, das Barett hat er über das widerborstige weiße Haar fest in die Stirn gedrückt. Als er das Kirchenschiff betritt, schweift sein Blick zu den Fenstern der Apsis, der modernen Glasmalerei, die sein ganzer Stolz ist; dann nimmt er Platz auf der obersten Bankreihe zur Rechten. Morgenandacht im College of The Blessed Mary of Eton: so wurde hier schon vor Jahrhunderten der Tag begonnen.

Vor Jahrhunderten – Tradition wird nun einmal großgeschrieben in Eton. Die Aura des Althergebrachten umgibt die Stätte; sie nistet in dem mittelalterlichen Gemäuer und den uralten Eichenbalken; sie manifestiert sich im Holzgetäfel der Schulräume, wo Generationen von Etonians – gegen eine gehörige Tracht Prügel – ihren Namen eingeschnitzt haben. Und zur Aura der Tradition gesellt sich ein starker Schuß aristokratischer Exklusivität. Die 1200 Zöglinge tragen stets gestreifte Hosen und Frack, sogar an den Drehbänken in der Medianikerwerkstatt; ihre Eltern bezahlen Schulgebühren von jährlich fast 6000 Mark und tun gut daran, ihre Söhne unmittelbar nach der Geburt schon anzumelden – der Andrang ist um so größer, je mehr sich die Gesellschaft egalisiert; der gebildete Akzent, den die Privatschulen ihren Absolventen nebenbei anerziehen, ist in England noch immer das größte gesellschaftliche Plus, das man seinem Kinde mit auf den Lebensweg geben kann.

Hüter der Tradition ist in Eton seit 1949 Robert Birley, M.A., C.M.G,. D.C.L. hon., ein Mann von mächtigen Maßen, der selber wie eine Figur des achtzehnten Jahrhunderts wirkt. Der Anschein freilich trügt: Birley steht mit beiden Füßen mitten in unserer Zeit. Auf subtile – und sehr englische – Weise hat er die Formen der Tradition gewahrt, sie aber gleichzeitig mit neuen, modernen Inhalten zu füllen versucht: plus c’est la même chose, plus ca change.

Als Rektor der exklusivsten Bildungsanstalt Englands gehörte er jedenfalls stets zu denen, welche die Public Schools reformieren, sie der gewandelten Gesellschaft und ihren neuen Bedürfnissen anpassen wollen. Seine reformerischen Bemühungen haben ihm denn auch den Spitznamen "Roter Robert" eingetragen, und es heißt sogar, einflußreiche konservative Old Etonians hätten es deswegen verhindert, daß er geadelt wurde (nach einer anderen Darstellung hat er selber sich geweigert, Sir Robert zu werden.)

Der 59jährige, Sohn eines Beamten des angesehenen Indian Civil Service, ist in Rugby erzogen worden, hat dann in Oxford, wo er Geschichte und Theologie studierte, eine brillante akademische Karriere gemacht und ging von 1926 bis 1935 zum erstenmal als Lehrer nach Eton. Während der großen Depression war er unermüdlich dabei, im benachbarten Städtchen Slough ein Hilfswerk für die Arbeitslosen aufzuziehen. Mit 32 Jahren wurde er Rektor von Charterhouse, einer Privatschule, kaum minder berühmt als Eton; dort bewies er nicht nur aufs neue sein pädagogisches Talent, sondern entpuppte sich in den schwierigen Kriegsjahren auch als fähiger Administrator.