Von Thilo Koch

Washington, Anfang April Das Pentagon vergibt jedes Jahr Rüstungsaufträge im Werte von mehr als 20 Milliarden Dollar. Diese Summe ist etwa doppelt so hoch wie der gesamte Haushalt der Bundesrepublik. Die strikt privatwirtschaftliche Struktur der amerikanischen Industrieproduktion macht eine staatliche Planwirtschaft auch auf dem Gebiete der Rüstungsindustrie unmöglich, ja geradezu undenkbar. Die Technologie der neuesten Waffen fordert zwar eine immer besser funktionierende Koordinierung der differenzierten Produktionsprozesse, aber die Vereinigten Staaten halten dennoch fest am Prinzip des freien Unternehmertums und der Konkurrenz, weil sie glauben, daß dadurch größere Energien bei der Entwicklung immer wirksamerer Waffen freigesetzt werden.

Bei diesem Prinzip sind natürlich Fehlinvestitionen, Doppelprojekte, vergebliche Anstrengungen und Kosten unvermeidlich. Ein Verteidigungsministerium befindet sich angesichts dieser militärwirtschaftlichen Situation in sehr schwieriger Lage: Es muß Richter sein über und zwischen, den konkurrierenden Industrieimperien; es muß wohl oder übel zugunsten der einen und zuungunsten der anderen Firma entscheiden – spätestens dann, wenn ausgereifte Entwürfe, Kostenvoranschläge, Modelle und manchmal Prototypen der betreffenden Waffen vorliegen.

Robert McNamara hat sich dieser Aufgabe, mit einer im Pentagon noch nie dagewesenen Brillanz und Verantwortungsbereitschaft angenommen. Die ersten beiden Kennedy-Jahre endeten für McNamara nahezu triumphal. In politischen Kreisen Washingtons sowohl wie in der gesamten amerikanischen Öffentlichkeit galt dieser Verteidigungsminister als das tüchtigste und einflußreichste Kabinettsmitglied der Kennedy-Regierung. Trotz vieler unpopulärer Entscheidungen waren seine Urteilskraft, seine Unvoreingenommenheit, die Richtigkeit seiner Analysen bisher niemals ernsthaft angezweifelt worden. Bei der Kuba-Entscheidung einigte sich das Exekutiv-Komitee des Nationalen Sicherheitsrates, mit Präsident Kennedy an der Spitze, auf eine Formel, die Robert McNamara zugeschrieben wird.

Es mag dieser Schritt – in die Außenpolitik gewesen sein, der den Verteidigungsminister dazu verführte, mehr und mehr durch militärpolitische Entscheidungen außenpolitischen Einfluß auszuüben. Das ist ganz gewiß im Einvernehmen mit dem Präsidenten und nicht gegen Willen und Wissen des Außenministers geschehen. Bei den amerikanisch-britischen Verhandlungen in Nassau, kurz vor Weihnachten, war Rusk nicht zugegen, und das seltsame Wunderkind „multilaterale Atomstreitmacht“ wurde von Kennedy, McNamara und George Ball, dem Stellvertreter Rusks, gezeugt. Dieser Fall zeigt sehr einleuchtend, wie rasch heute waffentechnische Entscheidungen – hier das Für und Wider um die Skybolt-Rakete – außenpolitische Konsequenzen haben.

Ein gewisses Unbehagen entstand angesichts des wachsenden und wuchernden Einflusses, den das Pentagon und sein Chef gewannen. Wenn auch sehr viel in den Vereinigten Staaten schiefgehen kann, oftmals mit einer geradezu orientalischen Lässigkeit verschleppt wird – eines funktioniert absolut zuverlässig: das Prinzip von „checks and balances“, von der Kontrolle und dem Gleichgewicht der Kräfte. Dafür sorgt schon der Kongreß.

Sehr bald bot sich dann eine Gelegenheit, McNamara vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuß zu „grillen“ – wie die Presse das nannte. In der letzten Zeit beherrschte das Thema „TFX und McNamara“ geradezu die öffentliche Diskussion in den Vereinigten Staaten. „TF“ bedeutet in der militärischen Abkürzungsnomenklatur tactical fighter; „X“ steht für experimental. Das TFX-Programm sieht die Produktion eines Jagdbombers vor, dessen Flugeigenschaften alles bisher Dagewesene übertreffen sollen und der für Luftwaffe und Marin; gleichermaßen geeignet sein soll. 1700 Maschinen dieses Typs werden gebraucht. Die Kosten dafür sind mit 24,6 Milliarden DM veranschlagt. Das ist auch für Pentagon-Verhältnisse ein gewaltiger „Schluck aus der Pulle“ des Zweihundert-Milliarden-Verteidigungshaushaltes (50 Milliarden Dollar).