Bedenkliches Fazit einer Atomforum-Tagung in Konstanz

Wenn wir in Deutschland nach Vorbildern im Bereich der Atomkerntechnik suchen, dann schauen wir meist nur nach Amerika, England und Frankreich. Wer käme schon auf die Idee, sich der kleinen Schweiz zuzuwenden, wo es bis jetzt nicht einmal ein Atomkraftwerk gibt. Und doch können gerade wir Bundesbürger hier etwas sehr Wesentliches lernen, nämlich wie man bei einem Minimum an staatlicher Reglementierung zu einem Maximum an Nutzen für die industrielle Entwicklung kommt.

An einem schönen Morgen im Juni 1953 fuhr Dr. Walter Boveri im Auto von Zürich nach Baden in die Fabrik seines Konzerns und genoß den Frieden der sommerlichen Landschaft. Doch nach und nach glitten seine Gedanken hinüber zu einer Diskussion, deren Zeuge er vor wenigen Tagen gewesen war und die der Kerntechnik, der Errichtung eines Forschungsreaktors gegolten hatte. Plötzlich kam ihm die Vorstellung, wie man auch in der Schweiz den Bau eines kerntechnischen Forschungs- und Entwicklungszentrums mit einem eigenen Reaktor anpacken könnte, und innerhalb weniger Minuten war – zumindest in der Idee – das Konzept des heutigen Eidgenössischen Instituts für Reaktorforschung in Würlingen geschaffen. Einige Wochen darauf trat er mit diesem Konzept in einer Generalversammlung der Brown, Boveri und Cie. erstmalig an die Öffentlichkeit. Es wurde die Unterstützung des weitsichtigen Züricher Professors Paul Scherrer gewonnen, und im März 1955 kam es schließlich unter Beteiligung von zwanzig schweizerischen Industrieunternehmen zur Gründung der rein privatwirtschaftlichen Reaktor AG. Etwas unterhalb von Baden bei dem Dorf Würlingen begann man schon bald mit dem Bau eines mit schwerem Wasser moderierten und mit natürlichem Uran gespeisten Versuchs- und Materialprüfreaktors, ähnlich, wie er Professor Wirtz und seinen Mitarbeitern als Kern des Forschungszentrums in Karlsruhe vorschwebte.

Die im Herbst 1955 in Genf durchgeführte Atomkonferenz bot den Physikern der Reaktor AG. die Möglichkeit, einen von den Amerikanern als Demonstrationsobjekt nach Genf geschafften kleinen Schwimmbad-Reaktor preiswert zu kaufen. Aber sie verzichteten darauf, ihn von den amerikanischen Spezialisten in Würlingen neu aufstellen zu lassen; sie wollten das vielmehr selbst machen, um sich in die Reaktor-Technologie einarbeiten zu können – obgleich dies für die Entwicklung des Schwerwasserreaktors so wünschenswerte Hilfsmittel dadurch erst 18 Monate später in Betrieb gehen konnte. So geriet man zunächst gegenüber den Kollegen in Karlsruhe ein wenig ins Hintertreffen. Doch schließlich gingen die Schweizer als erste durchs Ziel. Am 15. August 1960 wurde der Reaktor „Diorit“ kritisch, und am 20. September 1961 erreichte er seine volle Leistung von 20 Megawatt.

In Karlsruhe war man – fast auf den Tag genau – erst ein Jahr später so weit, und gegenwärtig sind die Karlsruher immer noch froh, daß sie einen gewissen Teil ihrer experimentellen Bestrahlungen in der Schweiz durchführen können.

Aufgaben für den Staat

Die Einrichtungen des Forschungszentrums in Würlingen sind unterdessen im Mai 1960 in den Besitz des Landes übergegangen und bilden jetzt das Eidgenössische Institut für Reaktorforschung. Bereits im September 1957 errechnete man, daß die Reaktor AG von 1962 ab mit jährlichen Betriebskosten von 10 Millionen Franken zu rechnen haben würde, was die finanzielle Leistungsfähigkeit der 171 Aktionäre überschritten hätte. Gleichzeitig erkannte der Staat, daß hier eine Entwicklungsaufgabe vorlag, die eindeutig in seinen Bereich gehört. Die Mitarbeiter des Zentrums standen dieser Umstellung zunächst sehr skeptisch gegenüber, doch die eidgenössischen Verwaltungsstellen waren klug genug, bereits bestehende Organisationen fortzuführen. Die Arbeit ist sogar einfacher geworden, denn die Mitarbeiter des Zentrums sind zum Teil gleichzeitig die Fachleute, auf deren Urteil die Entscheidungen der Behörden basieren.