Von Harry Pross

Im Jahre 1916 veröffentlichte Dr. Hermann Strack ein jüdisches Wörterbuch für nichtjüdische Deutsche in Osteuropa; es erschien in einem Leipziger Verlag in hebräischer Schrift. Sein Verfasser glaubte, es sei eine Kleinigkeit, die hebräischen Schriftzeichen zu erlernen und dadurch in wenigen Tagen Jiddisch zu verstehen. Auch ein fast gleichzeitiges Jüdisch-Deutsches Wörterbuch von Dr. Erich Bischoff betont; die leichte Erlernbarkeit des Jiddischen. Es wandte sich an die deutschen Besatzungstruppen besonders in Polen.

Seitdem sind noch nicht fünfzig Jahre vergangen; aber die Bedingungen, mit denen jetzt das Buch von

Salcia Landmann: "Jiddisch – Das Abenteuer einer Sprache"; Walter Verlag, Olten/Freibürg; 469 S., 24,80 DM

erscheint, sind völlig verändert. Zwar kann sich die Autorin auf die gelehrten Arbeiten von Beranek, Bernstein und Wolf stützen, aber das Jiddische selber stirbt ab. Salcia Landmann beginnt die historische Darstellung mit der langsamen Isolierung der deutschen Juden im Getto nach dem Laterankonzil von 1215. Das bis dahin landesüblich gesprochene Deutsch, das auch im dreizehnten Jahrhundert noch der jüdische Minnesänger Süßkind von Trimberg sang, wurde im vierzehnten Jahrhundert zum Judendeutsch, das sich auf die hebräischen und aramäischen Kultsprachen stützt. Als dann die deutschen Juden, die hauptsächlich in alemannischen und fränkischen Kreisen siedelten, von den Greueltaten durchreisender Kreuzfahrer nach Osten fliehen mußten, begann in Böhmen, Polen und Litauen eine neue Phase ihrer sprachlichen Isolierung.

In der vorwiegend slawischen Umgebung bildeten die aus Deutschland zugewanderten Juden eine eigene Schicht. Sie wurden ein mittelständisches Element zwischen Adel und Bauern, darin den deutschen Kolonisten in Osteuropa ähnlich. Ihr Judendeutsch behielten sie als Verständigungsmittel untereinander und als Verbindung zur alten Heimat im Westen. Das Hebräische diente dem Kult und war profanen Zwecken weitgehend entzogen. Das Judendeutsch entwickelte sich zum Jiddischen, der Muttersprache der zentral- und ostpreußischen Juden. Natürlich nahm es dabei slawische und neue Ausdrücke der sich wandelnden Umwelt auf, genau wie die Aussprache von Ort zu Ort sich unterschied.

Die lokalen Differenzen hätten unweigerlich das Jiddische sehr bald seiner Gemeinsamkeit beraubt, wenn nicht die Eigenart der hebräischen Schrift zu Hilfe gekommen wäre. In semitischen Sprachen wechseln die Vokale verhältnismäßig leicht, während die Konsonanten ein "starres Gerüst" bilden, wie Salcia Landmann formuliert: "Da die Juden ihr Deutsch nicht in lateinischen Buchstaben und phonetisch genau schrieben, sondern in der semitischen Schrift, die nur aus feststehenden Konsonanten mit unbestimmten Vokalen dazu und aus einer Anzahl von leeren, unbestimmten Vokalträgern besteht, blieb das Schriftbild einheitlich, auch wo die Aussprache differierte: im mündlichen Verkehr mochten ein litauischer Jude, ein sogenannter Litwak, und ein elsäßischer oder böhmischer Jude einige Schwierigkeiten miteinander haben. Zogen sie aber ein Stück Papier hervor, schrieben sie auf, was sie voneinander wollten, dann gelang die Verständigung vollkommen."