Dem internationalen Fremdenverkehr ist nichts heilig. Er macht aus dem nächtlichen Forum Romanum einen „Son et lumière“-Zirkus, er verwandelt eine paradiesische Küste, an der Aphrodite an Land gestiegen sein könnte, in einen Markt mit Bungalows und Hotelwolkenkratzern. Die europäischen Küsten werden zu Massenbadestränden. Und am Ende besteht zwischen Rimini und Recklinghausen nur noch ein klimatischer Unterschied. Für die Devise „Devisen“ unternimmt jede Regierung alles, auch das Letzte. Davon hört man endlich auch aus Ägypten.

Ich nahm es noch hin, als ich 1959 den Sphinx von Gizeh in Scheinwerferlicht getaucht sah. Nun aber will die ägyptische Regierung die Tempelanlagen von Karnak und Luxor durch Scheinwerfer von innen und außen illuminieren. Die Memnon-Kolosse sollen angestrahlt werden. Im Toten-Tempel der Hatschepsut wird „Son et lumière“ veranstaltet. Vielsprachig. Mit bunten Scheinwerfern. Himbeerrot der Nil nachts, wenn man im Ruderboot ihn überquert und von der Fremdenverkehrs-Totenfeier am Totentempel der großen Pharaonin nach Luxor zurückkehrt. Die Phantasie muß sich so etwas nicht mehr ausmalen, in Europa hat man es vorgemacht. Was wäre heute die Akropolis ohne „Son et lumière?“ All dies versänke wieder in Einsamkeit, röhrten nicht nachts dort die Lautsprecher.

Doch wir befinden uns erst in den Anfängen dieser kulturellen Bemühungen. Ehrwürdige historische Bauten, die der Zufall uns überließ, werden nichts sein ohne nächtliche Ton- und Lichtspiele. Die Phantasie braucht man nicht mehr anzuregen, sie wird beschlagnahmt. So verkaufen die Völker ihre bewältigten und unbewältigten Vergangenheiten. Es wird bald nötig sein, die UNESCO zu bitten, Schutzparks für Altertümer zu errichten.

Wer möchte noch nach Ägypten reisen, wenn dort die Pyramiden und Tempel nachts aussehen wie in einem Cinemascope-Film? Man wird demnächst, wenn man Ruinen nachts ungestört besichtigen will, nach Dresden reisen müssen. Wenn man es kann. W. P.