Wer eifrig Geschäftsberichte von Brauereier liest, dem drängt sich zwangsläufig der Eindruck auf, daß bei allen Betrieben die Ausstoßsteigerung „überdurchschnittlich“ war. Da so ziemlich alle Brauereien es vermeiden, effektive Ausstoßzahlen zu veröffentlichen (und wenn, so beziehen sie sich selten auf das Berichtsjahr), ist es den Aktionären und der Öffentlichkeit erschwert, ein klares Bild zu gewinnen. Und das ist wohl auch der Sinn dieser Versteckspielerei. Solange die Aktionäre mit dieser Methode zufrieden sind, wird sich daran auch nichts ändern.

Die Elbschloß-Brauerei, Hamburg, gehört zu den wenigen Unternehmen, die offen bekennen, daß ihr Ausstoß im Geschäftsjahr 1961/62 (30.9.) nur um 5 % zugenommen hat, während der Steigerungssatz in der Bundesrepublik bei 7 % lag. Als Grund für das Zurückbleiben wird das kalte Sommerwetter 1962 aufgeführt. Eine zweifellos plausible Erklärung, deren Wert nur dadurch etwas erschüttert wird, als die Holsten-Brauerei in Hamburg dennoch ihren Ausstoß über den Bundesdurchschnitt hinaus steigern konnte. Bei ihr waren die Witterungsbedingungen nicht wesentlich anders.

Die große Überraschung für die Aktionäre lag deshalb auch nicht in der Geschäftsentwicklung der Brauerei, sondern darin, daß sie zum zweiten Male nach der Währungsreform mit „Berichtigungsaktien“ beglückt wurden. 1960 wurde das Grundkapital von 4 auf 5 Mill. durch Auflösung von Rücklagen erhöht, jetzt erhalten die Aktionäre abermals ein Gratisbezugsrecht, und zwar im Verhältnis 5:1. Die treibende Kraft zu diesem Schritt dürfte sicherlich der Großaktionär, die Dresdner Bank, gewesen sein, denn es ist schwer vorstellbar, daß die Rücklagen von insgesamt 2,1 Mill. (bei einem Grundkapital von 5 Mill.) die Verwaltung so gedrückt haben, daß ihr nichts anderes einfiel, als daraus dividendenberechtigtes Aktienkapital zu machen. Selbstverständlich können auch die Kleinaktionäre mit dieser Lösung zufrieden sein, zumal ihnen der Aufsichtsratsvorsitzende, Hans Rinn (Vorstandsmitglied der Dresdner Bank), „mit 80prozentiger Gewißheit“ zugesichert hat, auch auf das erhöhte Grundkapital wieder 14 % Dividende auszuschütten.

Auf der vorjährigen Hauptversammlung war den Aktionären zwar eine Dividendenerhöhung in Aussicht gestellt worden, aber mit der Entschädigung durch Berichtigungsaktien können sie zufrieden sein. Auch der Verwaltung wird es ganz gelegen kommen, in diesem Jahr mit der Ausschüttung nicht herauf zu müssen, denn die Elbschloß-Brauerei steht inmitten einer kräftigen Investitionsphase, die in diesem Geschäftsjahr auslaufen wird. Zur Finanzierung muß sie sogar einen mittelfristigen Kredit von 2 Mill. mit einer Laufzeit von 3 bis 4 Jahren aufnehmen. Im Geschäftsjahr 1963/64 sollen dann erstmals die Abschreibungen die Anlagezugänge übersteigen, so daß von dieser Seite her eine gewisse Entlastung zu erwarten ist. Das laufende Geschäftsjahr kommt einer Art Durststrecke gleich, wenn man diesen Ausdruck bei einer Brauerei überhaupt verwenden darf.

Eine kleine Sensation gab es hinter den Kulissen: Die Dresdner Bank, die bislang mehr als 80 % des Elbschloß-Kapitals in den Händen hatte, veräußerte eine Schachtelbeteiligung (also 1,251 Mill. DM) an die Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft. Man kann davon ausgehen, daß die Dresdner Bank durch diesen Paketverkauf einen hübschen (allerdings steuerpflichtigen) Gewinn erzielt hat. K. W.