K. H., Hamburg

Hamburgs Sozialdemokraten wollten erfahren, wie die Hanseaten über die kommunalpolitische Arbeit der Regierungskoalition SPD/FDP denken. Sie beauftragten das „Institut für angewandte Sozialwissenschaften“ in Bad Godesberg mit einer repräsentativen Befragung von viertausend Hamburgern. Zu Beginn des Wahljahres 1961 zogen die Interviewer das erste Mal aus. Sie schockierten die Sozialdemokraten mit der Mitteilung, fast 70 Prozent der Befragten sei nicht einmal bekannt, daß ihr Stadtstaat von einer SPD-FDP-Koalition regiert werde. Und nur knapp ein Viertel der befragten Wähler fand, daß diese Koalition eine „gute Lösung“ sei.

Ein wenig ermutigendes Ergebnis, hatte man doch den Bürgern der „Einheitsgemeinde“ Hamburg bis dato ein sehr viel größeres Interesse an landespolitischen Fragen nachgesagt als den Einwohnern eines Flächenstaates. Die SPD veröffentlichte die unangenehmen Zahlen nicht.

Sie ließ die Meinungsforscher weiter fragen – bis sie jetzt guten Grund hatte, die Öffentlichkeit von der Arbeit der Demoskopen zu unterrichten. Knapp zwei Jahre nach der ersten Umfrage wußten nämlich 56 Prozent (gegenüber 31 Prozent 1960/61) der Befragten, daß in der Hansestadt Sozialdemokraten und Freie Demokraten gemeinsam regieren. 44 Prozent – genau doppelt so viel wie im Winter 1960/61 – fühlten sich von dieser Koalition gut regiert. Die Hälfte aller Befragten bezeichnete die SPD als ihre Partei, 13 Prozent mehr als vor den letzten Bundestagswahlen. Der Anteil der CDU-Anhänger sank dagegen seit 1961 von 30 auf 20 Prozent.

Die erstaunliche Zunahme an staatsbürgerlichen Kenntnissen in der Hansestadt und der starke Sympathiezuwachs für die SPD dürften nicht zuletzt auf das Konto von Bürgermeister Nevermann kommen. Als Paul Nevermann im Januar 1961 den hanseatischen „Patriarchen“ Max Brauer vom Amt des Ersten Bürgermeisters ablöste, besann man sich im Hamburger Rathaus auf den Wert politischer Öffentlichkeitsarbeit. Während Brauer in seinen letzten Regierungsjahren für Journalisten wenig Sympathie und Zeit übrig hatte, lädt Nevermann die Pressevertreter mindestens einmal in der Woche zum kommunalpolitischen Plausch ins Rathaus. Der neue Bürgermeister gewann sogar die Lokalredakteure der „Bild-Zeitung“ für sein Anliegen, die kommunalpolitische Bildung der Hanseaten.

Die Umfrage zeigt überdies, daß es der SPD gelungen ist, das viele Jahre gepflegte „Image“ Max Brauers als „Stadtpatriarch“ gegen das des jovialen Senatspräsidenten Paul Nevermann auszutauschen. Nevermann ist den Untersuchungen der Demoskopen zufolge bei den Hamburgern bereits populärer als der Altbürgermeister. Nur fünf Prozent wußten nicht, wer ihr Erster Bürgermeister ist.