Th. K., Washington, Anfang April

Der amerikanische Außenminister Rusk und Sowjetbotschafter Dobrynin haben einander bei ihrem ersten Berlin-Gespräch nach langer Zeit doch nicht nur die „alte Platte“ vorgespielt. Inoffiziell ist inzwischen bekanntgeworden, daß der Botschafter dem Minister ein umfangreiches Memorandum vorgetragen – wenn auch nicht übergeben – hat. Dieses Memorandum beschränkt sich nicht auf Berlin. Den Russen scheint es vielmehr um das Mitspracherecht der Bundesrepublik bei der Entscheidung über den Einsatz von NATO-Atomwaffen zu gehen.

Hierdurch rücken die amerikanischen Vorschläge für eine multilaterale Atomstreitmacht in einen neuen Zusammenhang. Sind sie, die ja der Bundesrepublik die letzte Knopfdruckkompetenz verweigern, bewußt mit dem Blick auf Moskau abgeschwächt worden? Waren sie als ein Preis für die angestrebte solidere Zwischenlösung in Berlin gedacht gewesen? Offenbar hat Washington einer Meldung besondere Aufmerksamkeit geschenkt, die besagte, Moskau habe zu verstehen gegeben, daß die erste Atomwaffe in deutscher Hand die Sowjetunion zu einem Präventivkrieg in Mitteleuropa veranlassen werde; dabei dächten die Russen vor allem an ein Polaris-U-Boot mit deutscher Besatzung oder auch nur mit einem deutschen Kapitän und gemischter Besatzung.

Im übrigen soll Dobrynin nicht mehr mit den Separatfriedensvertrag gedroht haben. Chruschtschow bevorzuge jetzt den Begriff „Friedensregelung für Deutschland“. Die Russen hätten sich alles in allem mit dem Status quo in Berlin abgefunden. Sie bestünden auch nicht mehr auf einem UN-Kommando für Berlin, sondern möchten die drei Westsektoren durch gemischte Truppenkontingente kontrollieren lassen. Hierbei nähern sie sich den amerikanischen Vorstellungen einer internationalen Zugangsbehörde. Die gemischten Kontingente würden westliche, östliche und neutrale Truppen umfassen. Auch am Austausch der Nicht-Angriffserklärung zwischen NATO und Warschauer Pakt zeigen sich die Sowjets wieder interessiert. Ihr Verhandlungspaket beruht aber, so ist in Washington zu hören, auf einer beiderseitigen Anerkennung der Fakten. Darunter wird vor allem die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und des Ulbricht-Regimes verstanden.

Auch Harold Wilson, der Führer der britischen Labour-Party, der zur Zeit in Washington mit den leitenden Männern der Kennedy-Regierung Besprechungen führt, geht in seinen Deutschland-Vorstellungen von einer Anerkennung, einer Hinnahme der Fakten aus. Wenn Harold Wilson seine erste Auslandsreise als Schatten-Premier beendet hat, wird er auch nach Moskau reisen. Seine Partei hält nichts von europäischen, nicht einmal etwas von englischen Atomwaffen. Präsident Kennedy hat deutlich genug gesagt, daß Atomwaffen in den Händen dritter militärisch überflüssig und unter Umständen äußerst gefährlich sein könnten; er würde es nicht bedauern, wenn die europäischen Verbündeten eine Beteiligung an der vorgeschlagenen NATO-Atommacht am Ende zu teuer oder zu schwierig fänden. Hier zeichnet sich eine gewisse Übereinstimmung zwischen Washington, London und Moskau ab.