Menschen, die Porzellan sammeln, sind wohl ebenso häufig wie solche, deren Sammeleifer hinter Briefmarken oder moderner Graphik her ist. Spezialisierte Porzellansammler, die darauf aus sind, von einer bestimmten Marke oder einer Epoche einer Porzellanmanufaktur möglichst alle Modelle vollständig beieinander zu haben, sind schon seltener. Eine ganz kleine Gruppe von Sammlern hat sich auf ein kulturhistorisch wie ästhetisch interessantes Gebiet begeben. Es sind dies vorzüglich europäische Sammler, die Porzellane suchen, deren eigenartige Herkunft aufmerken läßt. Bereits im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert hat Europa intensive Bekanntschaft mit dem chinesischen Porzellan gemacht, und dies in erster Linie mit Hilfe der in verschiedenen Ländern beheimateten „Compagnie des Indes“. Da Europa zwar Steingut und Fayencen besaß, aber noch kein Porzellan, war das chinesische Produkt höchst begehrt. Der Reichtum der oberen Stände in Europa kam nämlich auf den Einfall, die chinesischen Porzellanfabriken mit Sonderaufträgen zu betrauen; man sandte Zeichnungen, Vorbilder irgendwelcher Art, nach dem Fernen Osten und erwartete von den geschäftstüchtigen Chinesen, daß diese die europäischen Wünsche nach bestem Können erfüllen würden. Auf diese Weise kam das zustande, was als hochbegehrtes Sammelgut den Sammelnamen „Compagnie des Indes“ trägt.

Bemerkenswerterweise sind die heutigen Sammler dieses selten gewordenen Gutes vorzüglich zwei Damen der portugiesischen Gesellschaft – Ricardo Espirito Santo und Abel de Lacerda –, was seinen Grund darin haben mag, daß die Portugiesen zu den bedeutendsten seefahrenden Nationen gehörten, denen sich der Weg nach China früh öffnete. Wir finden aber unter den Sammlern auch den Namen des griechischen Tankerkönigs Onassis.

Der beste Kenner der Materie ist Michel Beurdeley, der nun die Früchte einer jahrzehntelangen Erfahrung in einem Buch niedergelegt hat:

„Porzellan aus China – Compagnie des Indes“; Verlag F. Bruckmann, München; 218 S., zahlreiche, teils farbige Abb., 72,– DM.

Am Import chinesischen Porzellans waren in erster Linie Portugal, England, dann Frankreich, Spanien und Deutschland, aber auch Italien (nicht nur durch Marco Polo bereits sehr frühzeitig auch mit der Porzellanherstellung Chinas vertraut), Schweden und Dänemark interessiert. Rußland bezog chinesische Porzellane auf dem sogenannten „tartarischen Weg“, das heißt auf dem Landweg. Die zweifachen Bemühungen Preußens im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert um die Errichtung einer „Ostindischen Compagnie“ führten zu keinen wesentlichen Ergebnissen. Sowohl August II. von Sachsen, der vielleicht größte Sammler chinesischen Porzellans im achtzehnten Jahrhundert, besaß ein in China bestelltes Service mit seinem Wappen, und auch die Hohenzollern ließen ein wappengeschmücktes Service mit der Devise „Gott mit uns“ herstellen.

Bemerkenswerter will es uns scheinen, wenn die in China freundlich geduldeten Jesuiten Gebrauchsgegenstände aus Porzellan mit religiösen Szenen bemalen ließen. So kennen wir eine viereckige Flasche in japanischer Form mit einer höchst eigentümlichen Himmelfahrtsszene, und das Museum für Antike Kunst in Lissabon besitzt ein viereckiges Gefäß mit dem Blumendekor der „famille verte“ und dem Monogramm der Gesellschaft Jesu.

Dem in jedem Betracht faszinierenden Buch ist neben einem „Katalog“, der 244 kleinformatige Abbildungen umfaßt, eine Zeittafel beigegeben und eine Zusammenstellung von Auktionspreisen aus den Jahren 1956 bis 1960. Hier bringt es ein Wasserkrug mit Planetenringkugel aus der Zeit des Königs Emmanuel I. von Portugal auf über 13 000 DM; ein mit Wappen dekoriertes Tafel- und Teeservice, allerdings aus 142 Teilen bestehend, brachte bei Sotheby 1960 fast 25 000 DM. Dies alles zusammen ergibt für den lesenden und betrachtenden Bücherfreund das Gefühl, in einem Buch zu blättern, das ihm eine Welt wahrer Märchen und märchenhafter Realitäten erschließt. Erich Pfeiffer-Belli